(2) Das Reich Gottes als „Hintergrund“ der Welt

Wie kann die Beziehung des Reiches Gottes zu unserer Welt beschrieben werden? Offensichtlich, das zeigt der vorangegangene Beitrag dieses Blogs ist weder eine Verinnerlichung noch eine Identifizierung mit politischen Programmen aus theologischer Sicht möglich.

Fehlerhafte Identifizierungen

Eine Verinnerlichung schützt in keiner Weise vor gravierenden Fehlern der Akteure, die die Zugehörigkeit zum Reich Gottes durch ihre innere Ausrichtung sicher glauben. Wenn das Reich Gottes als eigene innere Orientierung verstanden wird, das eigene Handeln aber nicht die Welt erkennbar verbessert, sondern ambivalent bleibt, dann kann dem christlichen Zeugnis des Reiches Gottes ein erheblicher Schaden zugefügt werden. Doch nicht nur einer Behauptung einer inneren Reich Gottes Haltung gegenüber sollte Distanz gewahrt werden, sondern auch gegenüber einem Versuch, das Reich Gottes mit einer expliziten politischen Programmatik zu identifizieren. Bislang hatten alle politischen Programme problematische Folgen und dunkle Stellen, die erst in späterer Zeit, in einem Blick zurück deutlich wurden. Auch wenn politischen Akteure überzeugt sind, nur für das Gute einzutreten, so ist aus theologischer Sicht die Skepsis wichtig, ob diese Selbstwahrnehmung auch dem historischen Urteil Stand hält. Insofern ist vor allen Identifizierungen des Reiches Gottes in menschlichen Verhältnissen und damit vor allen Versuchen der Selbstüberhöhung zu warnen.

Die bleibende Relevanz des Reiches Gottes für unsere Welt

Dennoch hat die Ankündigung des nahen Reiches Gottes eine große und bleibende politische Bedeutung. Es ist für die menschliche Politik höchst relevant, dass die Botschaft Jesu Christi auf die Bedeutung des Reiches Gottes für diese Welt wies. Die Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt ist also so, dass die Botschaft von dem Reich Gottes unsere Welt in Frage stellt und in Bewegung bringt, dass Akteurinnen und Akteure sich darauf ausrichten und die Welt zu verändern beginnen.

Eine angemessene Beschreibung der Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt hat damit zweierlei zugleich zu leisten: Einerseits muss sie die bleibende Differenz zwischen beiden betonen, um eine Vereinnahmung durch eine politische Bewegung zu unterbinden. Andererseits muss sie deutlich machen, dass das Reich Gottes für die Welt und ihre politische Entwicklung von größter Bedeutung und Relevanz ist.

Die Unterscheidung von Gestalt und Grund, von Vordergrund und Hintergrund

Ich möchte hier nun vorschlagen, diese Beziehung ähnlich der Unterscheidung von Gestalt und Grund oder von Vordergrund und Hintergrund zu beschreiben, so wie sie in der Phänomenologie herausgearbeitet wurde. Dabei gilt das folgende Grundverhältnis: Jede Gestalt, die wir erkennen, hebt sich vor einem Hintergrund ab. Die Differenz von Gestalt und Grund oder Gestalt und Hintergrund ist eine Voraussetzung, dass die Gestalt überhaupt als eine geschlossene Form sichtbar wird. Ein Mensch geht auf einer Straße. Ist es der Mensch, auf den wir aufmerksam werden, wird er zur Gestalt, auf die wir uns konzentrieren, so werden die Straße, die Häuser etc. automatisch zum Hintergrund. Ein Hintergrund ist in gewisser Weise unscharf, er wird nicht direkt thematisiert, solange er Hintergrund ist, aber er ist nicht ohne Wirkung auf die Gestalt. Sähen wir dieselbe Gestalt, den Menschen, auf einer blühenden Wiese gehen, so würde der veränderte Hintergrund sich das auch auf die Wahrnehmung der Gestalt des Menschen auswirken. Porträts von Menschen können sehr unterschiedlich wirken je nach dem Hintergrund, vor dem sie sich zeigen.

Der Wechsel von Hintergrund und Vordergrund

In unseren alltäglichen Erfahrungen können wir nun immer wieder den Hintergrund zum Vordergrund erheben. Das geschieht in dem Beispiel einfach dadurch, dass wir auf die Straße oder auf die Wiese aufmerksam werden. Dadurch versinkt die Gestalt, der gehende Mensch, in den Hintergrund. In unserer Welt gibt es keinen Hintergrund, auf den wir nicht aufmerksam werden können. Besonders deutlich wird das bei so genannten Vexierbildern. Hier können die Betrachtenden mit etwas Übung schnell von der einen auf die andere Weise umschalten, der Hintergrund wird zu Gestalt, die Gestalt zum Hintergrund. Je nach Einstellung ist eine Vase zu sehen oder zwei sich gegenüberstehende Gesichter:

Das Reich Gottes als bleibender Hintergrund

Der Vorschlag ist nun, das Reich Gottes als einen Hintergrund zu deuten, vor dem sich die Dinge und Geschehnisse unserer Welt abheben. Das Besondere dieses Hintergrundes ist allerdings, dass dieser Hintergrund nicht zum Vordergrund gemacht werden kann. Das Reich Gottes ist ein für uns Menschen nicht zugänglicher Hintergrund. So unterscheidet sich das Reich Gottes von Phänomenen unserer Welt. Wir können indirekt darauf aufmerksam werden, aber wir können uns nicht direkt darauf beziehen. Wir müssen in Metapher, in Gleichnissen, mit indirekten Verweisen reden, wenn wir uns auf das Reich Gottes beziehen wollen.

Die Ahnung des Reiches Gottes als höherer Realismus

Daraus lässt sich zweierlei ableiten: Einerseits können wir in dieser Interpretation nicht über das Reich Gottes verfügen, es kann nicht in eine wie auch immer geartete politische Programmatik eingebunden werden. Denn eine politische Programmatik bezieht sich auf das Gestalt- und Machbare. Es bleibt also die Gefahr der Identifizierungen gebannt.

Andererseits wirkt die „Nähe“ des Reiches Gottes schon heute, denn es lässt die Dinge der Welt in einem anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, dass in Handlungen der Mitmenschlichkeit, in der Liebe, in dem Engagement für mehr Gerechtigkeit, in dem Kampf um den Erhalt der lebendigen Natur ein höherer Realismus steckt.

Dieser Realismus ist bestimmt von der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ist schon jetzt wirksam und ihm gehört die Zukunft. Vor dem Hintergrund des Reiches Gottes haben dagegen die destruktiven und tödlichen Kräfte dieser Welt keine Zukunft. Die Todesmächte verschwinden nicht einfach, sie bleiben eine bittere Realität unserer Welt und eine Anfechtung für alle, die die Nähe des Reiches Gottes ahnen. Aber mit der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes wissen sie, dass die Todesmächte nicht das letzte Wort behalten. Wer auch immer die Welt vor diesem Hintergrund sieht, sieht sie anders und handelt anders, mit einem höheren Realismus und einer aktiven Ausrichtung, wie Jesus von Nazareth sie gelehrt hat. Insofern gilt: Eine Politik mit Zukunft berücksichtigt die Nähe des Reiches Gottes.

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Weitere Informationen zum hier vertretenen theologischen Ansatz

(1) Eine echt komplizierte Beziehung: Unsere Welt und das Reich Gottes

Ein Blick zurück

Die Rede vom Reich Gottes war im 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert in der christlichen Theologie immer wieder außerordentlich populär. In vielen theologischen Entwürfen erschien es als eine bewegende Kraft, die die Welt verändern soll. Das Reich Gottes bildete etwa einen christlich fundierten Orientierungspunkt für den steten menschlichen Fortschritt oder es war eine theologische Quelle politischer Kritik an den herrschenden Verhältnissen.  

Die westlichen Gesellschaften der vergangenen zwei Jahrhunderte, die Zeit der Moderne, waren von einer Ausrichtung auf Zukunft bestimmt. Der Historiker Lucian Hölscher hat in einer umfangreichen Studie herausgearbeitet, dass diese Zukunft eine Entdeckung aus unserer Epoche, aus der Epoche der Moderne ist. Nach der Französischen Revolution und mit der Industrialisierung taucht die Zukunft erstmals als das auf, was uns so selbstverständlich ist, als ein eigenständiger Raum auf, der sich in die kommende Zeit hin öffnet. Die Welt wird variabel, gestaltbar. Auf den imaginierten Zukunftsraum richten sich viele Erwartungen und Hoffnungen. Besonders stark war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Hölscher in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und dann wieder in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Identifizierung gesellschaftlicher Zukunftserwartungen und der Rede vom Reich Gottes

Die Theologie ist mit ihren Interpretationen des Reiches Gottes diesen gesellschaftlichen Trends gefolgt. Am Ende des 19. Jahrhunderts dominierte eine liberale Theologie, die eine „Reich Gottes“ Arbeit forderte, ein stetes Wirken an der Verbesserung der Verhältnisse, die mit dem wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritt einher gingen. Dazu war eine innere Haltung erforderlich, die des gesitteten, modernen Menschen. Das Reich Gottes wurde zu einem inneren Kompass. Diese Theologie wurde mit den Gräuel des Ersten Weltkrieg stark geschwächt. Im 20. Jahrhundert, vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 60er Jahren wurde eine Reich Gottes Theologie populär, die in den grundlegenden, auch revolutionären Veränderungen der Gesellschaft, in der Bekämpfung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung ihre Ziele sah. Am bekanntesten wurde der Entwurf von Jürgen Moltmann: „Die Theologie der Hoffnung“.

Die Grenze menschlicher Handlungsmöglichkeiten

Diese Entwürfe sind davon geprägt, dass sie Möglichkeiten menschlichen Handelns, die Gestaltung von Zukunft eng mit Reich Gottes Erwartungen verbinden. Doch genau da liegt eine gravierende theologische Gefahr. Werden hier nicht weltliche Verhältnisse und menschliche Handlungsoptionen zu schnell mit theologischen Beschreibungen des Reich Gottes kurzgeschlossen? Kann eine biblisch begründete Rede vom Reich Gottes mit bestimmten politischen Handlungen der Moderne identifiziert werden?

Nun hatte die Reich Gottes in den Predigten Jesu ohne Zweifel mit der vorfindlichen Welt zu tun, es geht nicht um irgendein getrenntes Jenseits. Seine Predigten waren sehr diesseitig, die Gleichnisse nahmen die Erfahrungen einer agrarischen Alltagswelt auf und nutzten sie für die Beschreibung des nahen Reiches Gottes. Aber das ist etwas anderes als die Identifizierungen mit bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen an die Zukunft. Vor allem betonen die Gleichnisse vom Reich Gottes Jesu immer wieder und wieder die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten!

Unsere Welt und das Reich Gottes: Nähe und Differenz

Das Verhältnis der Predigt vom Reich Gottes zu unserer Welt ist also kompliziert. Eine Identifizierung ist kurzschlüssig und hielt in der Regel auch nicht lange. Hierdurch erwies sich die Theologie vordergründig als gesellschaftlich relevant. Aber es mündete auch in der Unterstützung des Ersten Weltkrieges durch viele liberale Theologen. Eine deutliche Enttäuschung folgte. Die dialektische Theologie erhob nach dem ersten Weltkrieg einen sehr berechtigten Protest gegen eine liberale Rede vom Reich Gottes, die sich sehr der vorherrschenden bürgerlichen Gesellschaft angepasst hatte. Wie auch immer vom Reich Gottes geredet werden kann, es muss so geschehen, dass die Differenz und Distanz zur Welt, in der wir leben, gewahrt bleibt. Die Botschaft von der Nähe lässt trotz der Nähe keine Identifizierungen zu.

Warum die Rede vom Reich Gottes dennoch wichtig ist

Trotz dieser unübersehbaren Gefahr kurzschlüssiger Identifizierungen möchte ich in den folgenden Blogbeiträgen auch an der Rede vom Reiches Gottes anknüpfen. Denn es bietet viele Möglichkeiten, theologische Aussagen auf unsere Welt zu beziehen, diese Welt in Frage zu stellen und zu ihrer Veränderung beizutragen. Es geht dann aber nicht um eine Identifizierung einer politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Option mit dem Reich Gottes, es geht nicht um eine kurzschlüssige Reich-Gottes-Arbeit. Das Reich Gottes ist vor allem und zunächst einmal eine Sache Gottes.

Doch lässt die Ansage des nahen Gottesreiches die Menschen nicht ruhen. Durch die nach wie vor gültige Ansage des nahenden Reiches Gottes wird die Welt einer grundlegenden Kritik unterzogen. Dies gilt auch für die theologischen Positionen und Ausarbeitungen, die sich einerseits kritisch zur Welt verhalten sollen und doch immer auch Teil dieser Welt sind. Die Rede vom Reich Gottes ist für die Theologie deshalb immer auch Grund zur Selbstkritik.

Es kommt also viel darauf an, wie das Reich Gottes zur Welt in Beziehung gesetzt wird. Wenn diese Differenz beachtet wird und das Reich Gottes nicht als Bestätigung theologischer, kultureller, gesellschaftlicher Positionen verwendet wird, sondern zu ihrer immer neuen Kritik und Motivation der Veränderung, dann kann diese Rede vom Reich Gottes gerade auch den Impuls der dialektischen Theologie vor 100 Jahren aufnehmen! Es geht um die Differenz zwischen unserer Welt und dem Reich Gottes, aber eine Differenz, die nicht schiedlich, friedlich trennt, sondern immer wieder die Verkündigung des Reiches Gottes kritisch auf die Welt bezieht und damit die Welt in Bewegung setzt.

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(7) Apokalyptische Hoffnung?

Auf erstem Blick wirken beide Begriffe der Überschrift wie ein Widerspruch: Die Apokalyptik befasst sich mit Endzeitschlachten, mit Weltuntergangsszenarien, mit Zerstörung und Vernichtung. Ganz anders dagegen die Hoffnung, die doch bei dem Positiven ansetzt, auf das Gute in der Zukunft vertraut. Wie sollten beide zu vereinen sein, wie sollte es „apokalyptische Hoffnung“ geben können?

Der populäre Begriff Apokalypse

Wenn nun diejenigen Geschichten, die in Kinofilmen und manchen Romanen unter Apokalyptik zusammen gefasst werden, das Maß für Apokalyptik darstellen, dann sind mit ihr tatsächlich nahezu hoffnungslose Geschichten bezeichnet. Anders ist es allerdings, wenn mit Apokalypse jenes Buch der Bibel gemeint ist, dass einem Johannes von Patmos zugeschrieben wird: Die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel.

Zu dem Begriff Apokalypse

Eine kurze Erläuterung zum Begriff der Apokalyptik: Von der Offenbarung des Johannes ist auch die Gattungsbezeichnung abgeleitet: Apokalyptik. „apokalyptein“ ist griechisch und bedeutet so viel wie „aufdecken, offenbaren“. Die Stilmittel dieser Apokalypse sind in manchen antiken jüdischen und christlichen Texten identifiziert worden, worauf der Sammelbegriff Apokalyptik entstand.

Der Anfang der Offenbarung des Johannes

Wieso sollte die Offenbarung des Johannes eine andere Perspektive auf das Thema Hoffnung eröffnen? Der Text beginnt mit den Worten: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.“ (Kapitel 1 Vers 1) Das heißt, von Beginn an knüpft der Text an das Zeugnis von Jesus Christus an, an das Evangelium, die Frohe Botschaft. Schon im dritten Vers heißt es: „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben steht; denn die Zeit ist nahe.“ (Kapitel 1, Vers 3) So beginnt kein Weltuntergangsszenario, keine Geschichte, die Angst und Panik schürt, sondern eine Darstellung, die zum Durchhalten aufruft, die die Hörenden und die Lesenden als die Seligen anspricht.

Schwache Stimmen der Hoffnung

Was dann folgt, ist allerdings heftig, leidvoll und auch atemberaubend zerstörerisch. Das macht verständlich, warum viele mit diesem Buch in der Bibel hadern: So viel Leid, so viel Zerstörung. Wozu das Ganze, möchte man ausrufen! Aber mitten im Zerstörungsrausch kommt eine Stimme zu Wort, die das Lied des Lammes singen, ein Lobpsalm: „Groß und wunderbar sind Deine Werke, allmächtiger Gott.“ (Kapitel 13, Vers 3). Dieses Lied steht wie ein großes Dennoch gegenüber den Plagen und Kriegen und Zerstörungen.

Das große Hoffnungsbild

Schließlich endet die Offenbarung des Johannes mit dem großen Finale: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ (Kapitel 21 Vers 1) Zu hören ist eine Stimme: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen (…) und Gott wird abwischen alle Tränen.“ (Kapitel 21 Verse 3,4) So reiht sich das Buch schließlich ein in das Evangelium von dem Auferstandenen, der frohen Botschaft, die eine neue Schöpfung verkündet.

Hoffnung auch im Angesicht von Leid

Dennoch bleiben die drastischen Darstellungen. Das macht diese Hoffnungsgeschichte sperrig und schwer verdaulich. Wenn es schon so viel Leid in der Welt gibt, wer will dann das auch noch lesen? Vielleicht aber steckt gerade in dem Aussprechen des Leides auch eine Stärke des Textes!? Denn an dem Leid der Welt sieht er nicht vorbei. Wenn Hoffnung nur wäre, wenn wir die Augen vor dem Leiden und den Zerstörungen verschließen, dann ist Hoffnung doch das, was Religionskritiker ihr immer vorgeworfen haben: Eine Flucht aus der Realität, eine Vertröstung auf ein diffuses Jenseits. Es ist gerade eine Stärke des Textes, nicht zu kaschieren und schön zu malen.

Die großen Gefahren der apokalyptischen Bilder

Doch Gutes und Schlechtes sind hier nah beieinander. Ohne Zweifel kann der Text leicht missbraucht werden, um Gewalt zu bagatellisieren oder, noch schlimmer, um sie als notwendig zu erklären. Von diesem Text geht deshalb eine Gefahr aus.

Es gibt eine weitere, wichtige Einschränkung: Das Böse und die Gewalt üben eine eigentümliche Faszination aus. Jesus Christus als das Lamm Gottes, oft dargestellt in Kirchen, kommt im Text an mehreren Stellen vor, wirkt aber weniger interessant. Viel interessanter erscheinen der Drache, das Tier mit den Hörnern, die Hure Babylon. Gerade das hat in der breiten Rezeption viel Aufmerksamkeit gefunden. Doch im Mittelpunkt steht das Lamm, Jesus Christus, mit ihm beginnt der Text und mit ihm endet er auch.

Trotzige Hoffnung

Die Offenbarung des Johannes ist eine sperrige, eine trotzige , sicherlich auch eine gefährliche Hoffnungsgeschichte. So ist sie auch Teil der biblischen Tradition. Vielleicht kann sie helfen, christliche Hoffnung und ihre Dimensionen noch einmal anders zu entdecken? Eine Hoffnung, die bestehen bleibt, auch wenn wir die Augen aufmachen und die Welt in ihren Verwerfungen sehen?

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(6) Gegen Hoffnung auf Hoffnung hin

In den bisherigen Beiträgen zur Hoffnung wurde deutlich: die Haltung der Hoffnung ist nicht für gute Zeiten reserviert. Wenn alle Prognosen auf eine gute Zukunft weisen, bedarf es nicht viel Hoffnung. Da reichen schon die Informationen, ein wenig Informiertheit, ein wenig Zuversicht. Hoffnung erweist sich als eine Kraft, die gerade dann stark wird, wenn die Prognosen nicht so gut sind.

Die Hoffnung des Abraham in der Hebräischen Bibel

Das wird auch in biblischen Texten hervorgehoben. Ein prägnantes Vorbild ist Abraham. Nach der Darstellung im ersten Buch Mose waren Abraham und Sarah, seine Frau, schon alt und betagt, als Gott ihnen Nachkommen verhieß. Die realistischen Prognosen waren sehr schlecht. Ein Text spricht davon, dass Abraham 100 Jahre und Sarah 90 Jahre alt waren, also biologisch jenseits aller Möglichkeiten noch eigene Nachkommen zu haben. Die Erzählung der Erzeltern ist komplex, die Verheißungen Gottes an Abraham beginnen im 12. Kapitel, sie werden im 15. Kapitel wiederholt, im 17. Kapitel erfolgt der Bundesschluss, erst das 21. Kapitel schildert dann die Geburt des Sohnes Isaak.

Abraham in der Interpretation des Paulus

Paulus greift diese Erzählung auf, um die Vorbildlichkeit des Abraham darzustellen, der allein auf Hoffnung hin glaubte. Ein zentraler Vers im vierten Kapitel des Römerbriefs lautet in der Luther Übersetzung von 2017: „Wo keine Hoffnung war, hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“  (Vers 18) Die Zürcher Bibel ist näher am griechischen Text: „Wider alle Hoffnung hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“ Die Formulierung ist paradox zugespitzt: „gegen die Hoffnung auf Hoffnung hin“.

Diese Formulierung ist für Paulus zentral, um die vorbildliche Kraft des Glaubens bei Abraham hervorzuheben: „Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben.“ (Vers 20) Im Gegenteil, er war stark in diesem Glauben der Hoffnung. „Er wusste auf das Allergewisseste: Das was Gott verheißt, das kann er auch tun.“ (Vers 21)

Es geht Paulus um die Interpretation des Glaubens. Für diesen Glauben ist die Hoffnung offenkundig eine zentrale Komponente. Die Hoffnung ist ein Festhalten und nicht Zweifeln an der Verheißung Gottes. Der Glaube, den Paulus hier in den Mittelpunkt stellt, ist ein Glaube an die Verheißung und damit zugleich ein Ausdruck der Hoffnung.

Hoffnung wider die Hoffnung? Eine Paradoxie, die keine ist

Die Paradoxie der Hoffnung in dem zitierten Vers von Paulus ist nur auf erstem Blick eine echte Paradoxie, ein unauflösbarer Widerspruch. Tatsächlich lässt sich der Widerspruch recht leicht auflösen. Denn es gibt zwei unterschiedliche Referenzrahmen, aus der heraus Hoffnung begründet werden kann. Der erste Rahmen wird durch die Lebenssituation und das biologische Alter von Abraham und Sarah aufgespannt. Hier ist klar: Alle Erwartungen auf eine positive Wende, auf die Geburt des ersehnten Nachkommens, sind vollkommen unrealistisch und unbegründet. Der zweite Rahmen wird durch die Verheißung Gottes aufgespannt: Da Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, einen Nachkommen verheißt, kann das Unmögliche möglich werden.

Paulus lobt nun Abraham, weil er den einen Rahmen, den der Verheißung Gottes, dem anderen Rahmen, der nüchternen biologischen Betrachtung vorgezogen hat. Also ein Vorzug von religiösen Erfahrungen gegen eine realistische Einschätzung? Können wir das vorbildlich nennen?

Die Hoffnung jenseits des Realismus

Ja, gerade diese Möglichkeit zeichnet Hoffnung aus! Wer allein die realistische Blickrichtung einnimmt, die oder der braucht keine Hoffnung, sondern fragt nach der exaktesten Prognose. Doch hat die menschliche Geschichte die Eigenschaft, überkomplex zu sein. Die Zukunft lässt sich auch mit den besten Prognosen nicht genau vorhersagen. Und, noch wichtiger: Selbst wenn es in beschränkten Fragen eine eindeutige Prognose gibt, so bleibt offen, wie denn die Entwicklung zu bewerten ist, was sich weiterhin aus ihr ableiten lässt.

Die Hoffnung bindet sich wohlverstanden nicht an realistische und möglichst präzise Prognosen, sondern steht für die religiöse, spirituelle, philosophische Möglichkeit, auf die Grenzen realistischer Prognosen hinzuweisen oder ihre Vorhersagen neu zu bewerten.

Hoffnung sieht mehr

Abraham tat genau das. Hoffnung ist mehr als die Bestätigung einer möglichst realistischen Prognose. Sie ist die Kraft, unentdeckte Kraftlinien der Geschichte zu entdecken und sie ist die Kraft, die realistischen Daten der Geschichte neu zu bewerten. Dazu können Träume, kulturelle Ahnungen über die Tendenzen der Geschichte helfen wie bei Ernst Bloch. Oder es helfen die Verheißungen Gottes. Nach Paulus hat Abraham genau an diesen Verheißungen festgehalten. Darin bestätigt er eine besondere Fähigkeit, die dem christlichen Glauben zukommt.

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(5) Hoffnung hat die Kraft zu Erzählungen

Hoffnung ist nicht einfach der Ausdruck für eine positive Sicht auf die Zukunft. Eine positive Sicht auf die Zukunft kann sich aus einigermaßen sicheren Prognosen ableiten: Morgen scheint die Sonne. Mit guten Daten ist die Wetterprognose heute einigermaßen sicher. Doch ist es ein Ausdruck von Hoffnung, wenn dann jemand aufgrund der Prognose zuversichtlich ist, dass morgen die Sonne scheint? 

Am Anfang ein Defizit

Hoffnung, so das bisherige Ergebnis, ist gerade elementar mit einem Mangel verbunden, mit einem Mangel an Überblick über die Gegenwart, mit einem Mangel an Prognosefähigkeit. Die radikale Hoffnung ist sogar von dem tiefgreifenden Defizit geprägt, dass ein ganzer kultureller Rahmen abbricht und es keinen Zugang mehr gibt zu den vertrauten Erzählungen.

Die Brücke zu künftigem Sinn

Was macht die Hoffnung mit dieser Situation? Sie entwickelt trotz der Einschränkungen die Fähigkeit zu Erzählungen, die in die Zukunft weisen. Erzählungen wiederum unterscheiden sich von Prognosen. Prognosen sind desto besser, je genauer die Datenbasis, je umfassender das Wissen um die Gegenwart ist. Erzählungen bleiben vage. Sie fixieren kein Wunschbild als zukünftigen Zustand. Aber das ist kein Makel, das ist ihre Stärke. Denn mit ihrer Unbestimmtheit eröffnen sie einen Raum für künftige Entwicklungen. Sie bieten ein Gerüst, das nicht darüber bestimmt, was mit welcher Wahrscheinlichkeit eintrifft, sondern das hilft, in den möglichen Entwicklungen Sinn zu finden.

Ein Traum als Brücke

Diese Erzählungen in die Zukunft hinein können sehr bruchstückhaft sein. Sie bieten keine ausgeschmückten, detailverliebten Szenerien. Plenty Coups, der Häuptling der Crow (siehe letzter Blog-Eintrag), leitet die Erzählung, die ihm eine sinnhafte und erfüllte Zukunft der Crow auch nach dem kulturellen Abbruch durch den Einzug in das Reservat ermöglicht, aus einem Traum ab. Der Traum kennzeichnet für ihn den Kontakt mit Kräften, die weiter reichen als das menschliche Vermögen. Der Traum legt damit ein Fundament für eine Erzählung in die Zukunft, die Sinnerwartungen ermöglicht.

Die Meise fordert zum Zuhören auf

Sein Traum ist der von einer Meise, die in einem Baum sitzt. Es kommen Stürme auf, aber die Meise widersteht allen Stürmen, anders als alle anderen Vögel. Ihr wird in dem Traum die Fähigkeit zugeschrieben, genau zuzuhören. Die Weisheit der Meise besteht also nicht darin, selbst wahr und falsch zu unterscheiden, sondern sich ihrer Umgebung zu öffnen und genau hinzuhören und angemessen auf die Umgebung zu reagieren. Diese Haltung weist für Plenty Coups in die Zukunft: Die Pfade der Zukunft sind nicht solche, die sich bruchlos aus der Vergangenheit ableiten lassen, sondern solche, in denen es darauf ankommt, die Umgebung genau zu studieren und flexibel auf diese Kräfte einzugehen.

Plenty Coups hört zu

Plenty Coups versteht dies so, dass er auf die neuen Bedingungen hört, die durch die Anwesenheit der Weißen und ihrer staatlichen Ordnung gegeben sind. Diese Ordnungen sind ihm und den Crow fremd, er übernimmt sie auch nicht einfach. Aber zugleich opponiert er nicht. Er achtet auf die Freiräume, die sich bieten. Er engagiert sich unter den neuen Bedingungen politisch und pflegt die Kontakte nach Washington. Dadurch gelingt es ihm, manche Entscheidungen im Sinne der Crow zu beeinflussen. Aus der traditionellen Erzählstoffen wäre sein Verhalten nicht beschreibbar, in gewisser Weise sinnlos.

Der zukünftige Sinn

Für Plenty Coups galt: Nur wer genau hinhört, überlebt die Stürme der Veränderung. In gewisser Weise bietet der Traum von der Meise eine Brücke. Er partizipiert an der alten Welt der Crow, auch dort hat die Meise eine bestimmte Rolle. Er weist zugleich in die Zukunft, er wird zum Ausdruck radikaler Hoffnung, die über das traditionell Beschreibbare hinaus geht. Hoffnungen bieten mit Erzählungen Brücken zu zukünftigem Sinn.

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