Der Mensch, das rationale und moralische Individuum?

Zur Zukunft des linksliberalen Lagers

Die Entwicklungen in der Politik sind weltweit sehr turbulent geworden. Machtverhältnisse verschieben sich, alte Gewissheiten fallen, neue Orientierungen zeichnen sich (aber) nur undeutlich ab. Bei fast allen politischen Akteuren gibt es zurzeit sehr unklare Zukunftsvorstellungen. Das gilt für die beiden politischen Ränder, der Linken ebenso wie der Rechten, und erst recht für die Mitte. Natürlich behaupten alle Parteien, klare Ziele zu verfolgen. Doch das ist oft politische Rhetorik, die allein das Ziel hat, die aktuelle Lage zu stabilisieren. Starke Zukunftsentwürfe fehlen.

Eine diffuse Zukunft der Rechten

Die Rechte etwa artikuliert vorrangig Protest gegen die Institutionen der liberalen Demokratie. Doch in der Frage, was denn genau die Alternative sein soll, bleibt sie eigentümlich unscharf. In den USA etwa will Trump offenkundig die Freiheiten der großen Tech-Konzerne fördern, was massive soziale Verwerfungen zur Folge haben wird. Gleichzeitig versteht er sich als Stimme der abgehängten Arbeiterschaft traditioneller Industrien. Europäische rechte Parteien bekämpfen die Migration und finden gleichzeitig eine der wichtigsten Migrationsursachen, die Klimakrise, irrelevant.

Eine diffuse Zukunft der Linken

Doch auch im progressiven Lager sind die Zukunftsbilder schwächer geworden. Es wird immer undeutlicher, wohin die Entwicklung gehen soll, was umgesetzt werden kann. Natürlich geht es um die Orientierung an zentralen Werten, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit. Doch wie sollen diese Ziele erreicht werden, was sind machbare Entwicklungsschritte? Politik besteht ja nicht nur in der Artikulation von Werten, sondern in der Umsetzung von mittel- und langfristigen Zielen.

Solidarität damals und heute

Das Hauptproblem progressiver Positionen liegt nicht in der Werteorientierung, sondern in der Beschreibung der Ressourcen, die notwendig sind, um die Ziele zu erreichen. Was ist mit Ressourcen gemeint? Es geht um die gesellschaftliche Machtbasis, die einen gesellschaftlichen Wandel ermöglichen und befördern kann.

Um das deutlicher zu machen, soll ein Vergleich mit der klassischen Linken des 19. Jahrhunderts gezogen werden. Aus der Rückschau erscheint die Entwicklung der Arbeiterbewegung nahezu zwangsläufig. Aber ihre Entwicklung war im Prozess für die beteiligten Akteure zu Beginn alles andere als eindeutig. Das Selbstbewusstsein, dass Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsame Ziele haben und sich gemeinsam artikulieren, ja dass sich eine Arbeiterkultur entwickelt, mit einem starken Selbstbewusstsein, mit eigenen Medien, Liedern, Vereinen, Symbolen, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles andere als wahrscheinlich. Das kommunistische Manifest von Marx und Engels von 1848 kann als einen groß angelegten Versuch gedeutet werden, für die Notwendigkeit und Möglichkeit von Solidarität unter arbeitenden Menschen zu werben. Es ist vielleicht nicht von ungefähr, dass die Ziele der Französischen Revolution durch drei Werte gekennzeichnet werden: Freiheit, Gleichheit und – Brüderlichkeit (Solidarität). Solidarität ist die politische DImension der sozialen Verbundenheit.

Wo stehen wir heute? Es gibt gerade im progressiven politischen Lager sehr tiefgreifende und große Vorbehalte gegen verbindliche soziale Strukturen. Im Zentrum des eigenen Selbstverständnisses steht das sich frei und ungehindert entfaltende Individuum. Dieses Individuum wird idealerweise bestimmt durch eine Orientierung an Moral und Rationalität. Das gesellschaftliche Leitbild leitet sich aus dieser Zentralfigur ab: Die Gesellschaft besteht aus aktiven, moralisch und rational engagierten Individuen, die für mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit kämpfen. Die Moralität ist bestimmt durch die gesellschaftlich kommunizierten Werte, die Rationalität ist bestimmt durch die Orientierung an den Erkenntnissen der Wissenschaften und an den Erfordernissen einer globalen, kreativen, von immer neuen Technologien getriebenen Wirtschaft.

Ist der Mensch moralisch und rational?

Zwei gravierende kritische Fragen muss man an dieses Selbstverständnis richten. Zum einen ist es die Frage, ob Menschen als moralisch und rational handelnde Wesen nicht erheblich unterbestimmt sind. Zumindest in der Vergangenheit gab es erkennbar viele Facetten der menschlichen Existenz, die sich nicht unter Moralität und Rationalität fassen ließen – egoistische, aggressive und auch destruktive Anteile, aber auch Tendenzen der Trägheit, der Ausgrenzung und der Abwertung anderer Lebensformen. All diese Kräfte haben neben den genannten Werten in nicht unerheblichem Maße die politische Entwicklung mitbestimmt. Sollte der moderne Mensch diese Kräfte überwunden haben? Diese Diskussion bleibt natürlich immer ein wenig hypothetisch, es gibt sicherlich eine kulturelle Veränderung, die erhebliche positive Wirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen hat. Aber es bleibt die Frage, ob die Veränderung so durchgreifend ist, dass die anderen Kräfte nicht mehr berücksichtigt werden müssen.

Grenzen des Aktivismus

Zum anderen ist es die Frage, ob das Individuum als Bezugspunkt für gesellschaftliche Veränderungen ausreicht. Für die sozialen Bewegungen engagierter Individuen hat sich der Ausdruck „Aktivismus“ eingebürgert. Zumeist sind es bestimmte Anlässe, dass sich aktivistische Konstellationen bilden, die eine große mediale Aufmerksamkeit finden können. Sie sind fast immer durch einen geringen und temporären Organisationsgrad bestimmt. Dazu zählen ganz prominent die „MeToo“ Bewegung, die Bewegung „Fridays for Future“, die Bewegung „Black Live Matters“, aber auch viele andere. Sie haben ohne Zweifel nachhaltige Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen, sie haben Diskussionen auch auf längere Sicht geprägt. Aber sie verändern oder prägen nur wenig die gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen. Die aktivistischen Bewegungen fordern in erster Linie den einzelnen Menschen auf, sein Verhalten zu ändern, auf das Verhalten anderer Menschen einzuwirken.

Die Institutionenblindheit

Die Achillesferse des progressiven Lagers ist eine gewisse Institutionenblindheit und das geringe Interesse am Aufbau verpflichtender Strukturen und lebensweltlicher Bindungen. Das unterscheidet sie von der klassischen Linken, die immer auch an dem Aufbau langfristiger Strukturen, Parteien, Verlage, Vereine etc. interessiert waren. Dies wiederum liegt an der Konzentration auf den einzelnen Menschen.

Die Fokussierung auf die Ressource „moralisch und rational handelndes Individuum“ ist viel zu schwach für die gesellschaftlichen Veränderungen, die anstehen. Dadurch entsteht eine eigentümliche große Diskrepanz zwischen den tatsächlichen gesellschaftlichen Fortschritten und den notwendigen Veränderungen für die selbstgesetzten Ziele.  

Gesinnung versus Tat

Die Gefahr ist, dass der Aktivismus der Individuen bei einer reinen Proklamation der Gesinnungen stehen bleibt, auf die eine gesellschaftliche Veränderung nicht im erforderlichen Maße folgt. Diese Diskrepanz kann bei allen großen Themen der Zeit beobachtet werden: In der Reaktion auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, in der Frage einer langfristigen Flüchtlingspolitik, in der Frage der ökologischen Transformation. Die Meinungen sind oft sehr klar, aber die gesellschaftliche Reaktion ist nicht angemessen, getroffene Maßnahmen nicht ausreichend.

Diese Diskrepanz führt zu einer nachhaltigen Schwächung des progressiven Lagers. Dies geschieht gerade in einer Zeit, in der rechte gesellschaftliche Kräfte immer mehr um sich greifen. Vielleicht bedingt beides einander: Die Schwäche der einen führt zu einer Stärke der anderen. Eine neue Stärke progressiver Positionen würde aber ein Umdenken in grundlegenden Orientierungen erfordern.

Eine epochale Zäsur in der Klimapolitik

Die Ergebnisse der Wahlen in den USA treffen viele Menschen direkt und emotional. Dafür gibt es viele gute Gründe. Es ist immer etwas gewagt, so unmittelbar nach einem relativ überraschenden großen Ereignis über dessen Wirkungen zu reden. Und doch zeichnen sich Folgen ab, die sehr weitreichend sein werden für die politische Kultur in den USA, aber auch in Europa.

Das Project 2025

Im Zentrum der Aktivitäten der künftigen, von Trump geführten Regierung soll das „Project 2025“ stehen, eine Aufstellung von Regierungszielen, die der rechte Think Tank Heartland Institute in enger Abstimmung mit dem Trump Team aufgestellt hat. Durch diesen umfassenden Plan auf mehreren hundert Seiten unterscheidet sich der kommende Regierungsantritt Trumps von dem im Jahr 2017 fundamental. Nach der überraschenden Wahl 2016 hatte Trump lose Ideen, kein festes Programm, kein größeres Team. Das ist jetzt anders. Die kommenden Schritte sind alle recht detailliert geplant. Inwieweit sie sich durchsetzen lassen, mag offen sein. Aber ihre Umsetzung ist bei den Akteuren der kommenden Trump Administration fest im Blick.

Die künftige Energiepolitik

Die Wirkungen werden weitreichend sein und auch über die amerikanische Gesellschaft hinaus gehen. Ich möchte nur einen Punkt beispielhaft hervorheben: Die Energiepolitik. Die kommende Trump Regierung wird, sollte sie die Vorgaben des Project 2025 umsetzen, alle verfügbaren Energieressourcen für das Wachstum der US- amerikanischen Wirtschaft nutzen, einerlei ob es fossile Energiequellen sind oder regenerative. Klimapolitische Ziele werden aufgegeben. Weitere Öl- und Gasvorkommen sollen erschlossen werden.

Die Treibhausgasemissionen der USA

Die Folgen sind gravierend: Zunächst sind die USA auch jetzt schon, nach vier Jahren Biden und 8 Jahren Obama Administration der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Schon jetzt ist es so, dass die weltweiten Klimaemissionen ohne Unterlass steigen, 2023 war wieder ein Rekordjahr.

Wenn nun durch die neue Ausrichtung fossile Energiequellen in den USA ohne Einschränkung erschlossen und genutzt werden sollen, werden viele weltweite klimapolitischen Ziele Makulatur sein. 

Der Kampf um billige Energie

Noch gravierender sind die klimapolitischen Folgen durch die wirtschaftlichen Zwänge, die damit einher gehen. Trump sprach in seinen Wahlkampfreden immer wieder davon, die Energiepreise in den USA durch die größere Verfügbarkeit innerhalb eines Jahres zu halbieren. Das bevorzugt im internationalen Wettbewerb den Produktionsstandort USA, Trump rechnet offenkundig damit, dass inflationäre Folgen seiner Zollpolitik durch die geringeren Energiekosten eingefangen werden können.

Der weltweite Wettbewerb

Doch lösen deutlich geringere Energiekosten eine Kaskade aus, die sich auf Wettbewerber, auf Schwellenländer, aber auch Europa auswirken werden. Unternehmen mit energieintensiver Produktion werden sich gut überlegen müssen, wo sie längerfristige Investitionen tätigen. Die Länder werden darum wetteifern, preisgünstige Energie zur Verfügung zu stellen. Die Zurückhaltung gegenüber fossilen Energien gerät gerade in den Schwellenländern stark unter Druck. Die Klimapolitik wird allein dadurch schwächer, dass immer mehr Akteure sich aus wirtschaftlichem Druck anpassen müssen. Das wird für klimapolitische Anliegen zu einer „slipping slope“, zu einer schiefen Bahn, Standards, die vielleicht schon erreicht worden sind, werden wahrscheinlich wieder in Frage gestellt.

Es wird spannend sein, wie die Entwicklung in den USA die kommende UN Klimakonferenz COP 29 in Aserbaidschan beeinflussen wird. Auch für Europa und besonders für Deutschland wird das zu einer großen Herausforderung. Wie können die klimapolitischen Beschlüsse auf nationaler und europäischer Ebene bewahrt werden, wenn sie mit wettbewerblichen Nachteilen einhergehen? Klimaspezifische Zölle gegenüber Produzenten, die extensiv fossile Energiequellen nutzen, sind schon länger im Gespräch. Doch auch eine solche Zollpolitik kann nicht alle Probleme lösen: Die Einfuhren lassen sich zwar eingrenzen, aber die Exporte sind trotzdem aufgrund der hohen Kosten im Wettbewerb gefährdet.

Wie die Zeit der Energieumstellung überstehen?

Ohne Zweifel sind in langer Sicht regenerative Energiequellen die kostengünstigste Weise, Energie bereitzustellen. Doch gibt es erhebliche Kosten in der Phase der Umstellung. Die aber dauert noch etliche Jahre, etwa zwei Jahrzehnte. Kein Land mit Industrieproduktion kann es sich leisten, über einen solch langen Zeitraum Wettbewerbsnachteile zu erleiden. Kein Staat kann auf lange Sicht die eigene Produktion subventionieren.

Diese wenigen Überlegungen zeigen, welche weitreichenden Folgen eine klimapolitische Wende einer Regierung Trump zur Folge haben wird! Das Project 2025 stellt für die klimapolitischen Ziele eine fundamentale Herausforderung dar. Es wird sehr mühsam sein, unter den genannten Bedingungen das Ziel einer Treibhausgasneutralität aufrecht zu erhalten.

Weitere Informationen zum Project 2025: https://www.project2025.org/policy/