(5) Hoffnung hat die Kraft zu Erzählungen

Hoffnung ist nicht einfach der Ausdruck für eine positive Sicht auf die Zukunft. Eine positive Sicht auf die Zukunft kann sich aus einigermaßen sicheren Prognosen ableiten: Morgen scheint die Sonne. Mit guten Daten ist die Wetterprognose heute einigermaßen sicher. Doch ist es ein Ausdruck von Hoffnung, wenn dann jemand aufgrund der Prognose zuversichtlich ist, dass morgen die Sonne scheint? 

Am Anfang ein Defizit

Hoffnung, so das bisherige Ergebnis, ist gerade elementar mit einem Mangel verbunden, mit einem Mangel an Überblick über die Gegenwart, mit einem Mangel an Prognosefähigkeit. Die radikale Hoffnung ist sogar von dem tiefgreifenden Defizit geprägt, dass ein ganzer kultureller Rahmen abbricht und es keinen Zugang mehr gibt zu den vertrauten Erzählungen.

Die Brücke zu künftigem Sinn

Was macht die Hoffnung mit dieser Situation? Sie entwickelt trotz der Einschränkungen die Fähigkeit zu Erzählungen, die in die Zukunft weisen. Erzählungen wiederum unterscheiden sich von Prognosen. Prognosen sind desto besser, je genauer die Datenbasis, je umfassender das Wissen um die Gegenwart ist. Erzählungen bleiben vage. Sie fixieren kein Wunschbild als zukünftigen Zustand. Aber das ist kein Makel, das ist ihre Stärke. Denn mit ihrer Unbestimmtheit eröffnen sie einen Raum für künftige Entwicklungen. Sie bieten ein Gerüst, das nicht darüber bestimmt, was mit welcher Wahrscheinlichkeit eintrifft, sondern das hilft, in den möglichen Entwicklungen Sinn zu finden.

Ein Traum als Brücke

Diese Erzählungen in die Zukunft hinein können sehr bruchstückhaft sein. Sie bieten keine ausgeschmückten, detailverliebten Szenerien. Plenty Coups, der Häuptling der Crow (siehe letzter Blog-Eintrag), leitet die Erzählung, die ihm eine sinnhafte und erfüllte Zukunft der Crow auch nach dem kulturellen Abbruch durch den Einzug in das Reservat ermöglicht, aus einem Traum ab. Der Traum kennzeichnet für ihn den Kontakt mit Kräften, die weiter reichen als das menschliche Vermögen. Der Traum legt damit ein Fundament für eine Erzählung in die Zukunft, die Sinnerwartungen ermöglicht.

Die Meise fordert zum Zuhören auf

Sein Traum ist der von einer Meise, die in einem Baum sitzt. Es kommen Stürme auf, aber die Meise widersteht allen Stürmen, anders als alle anderen Vögel. Ihr wird in dem Traum die Fähigkeit zugeschrieben, genau zuzuhören. Die Weisheit der Meise besteht also nicht darin, selbst wahr und falsch zu unterscheiden, sondern sich ihrer Umgebung zu öffnen und genau hinzuhören und angemessen auf die Umgebung zu reagieren. Diese Haltung weist für Plenty Coups in die Zukunft: Die Pfade der Zukunft sind nicht solche, die sich bruchlos aus der Vergangenheit ableiten lassen, sondern solche, in denen es darauf ankommt, die Umgebung genau zu studieren und flexibel auf diese Kräfte einzugehen.

Plenty Coups hört zu

Plenty Coups versteht dies so, dass er auf die neuen Bedingungen hört, die durch die Anwesenheit der Weißen und ihrer staatlichen Ordnung gegeben sind. Diese Ordnungen sind ihm und den Crow fremd, er übernimmt sie auch nicht einfach. Aber zugleich opponiert er nicht. Er achtet auf die Freiräume, die sich bieten. Er engagiert sich unter den neuen Bedingungen politisch und pflegt die Kontakte nach Washington. Dadurch gelingt es ihm, manche Entscheidungen im Sinne der Crow zu beeinflussen. Aus der traditionellen Erzählstoffen wäre sein Verhalten nicht beschreibbar, in gewisser Weise sinnlos.

Der zukünftige Sinn

Für Plenty Coups galt: Nur wer genau hinhört, überlebt die Stürme der Veränderung. In gewisser Weise bietet der Traum von der Meise eine Brücke. Er partizipiert an der alten Welt der Crow, auch dort hat die Meise eine bestimmte Rolle. Er weist zugleich in die Zukunft, er wird zum Ausdruck radikaler Hoffnung, die über das traditionell Beschreibbare hinaus geht. Hoffnungen bieten mit Erzählungen Brücken zu zukünftigem Sinn.

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Was ist mit Geschichte?

Ich empfinde schon seit längerer Zeit ein Unbehagen, wenn ich aktuelle Diskussionen zum Zeitgeschehen verfolge. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit gravierender Geschichtsvergessenheit leben. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht mehr erinnern würden. Schließlich ist doch die Evangelische Kirche in diesem Jahr mit großer Intensität dabei, das Reformationsjubiläum zu begehen! Auch gibt es vielfältige Gedenkfeiern, oft motiviert durch die schreckliche deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ich meine eher die Geschichtsvergessenheit in der Deutung der Gegenwart. Wir diskutieren unsere Zeit, als sei sie so, wie sie ist und viel Neues sei auch nicht zu erwarten. Kaum gibt es in der Deutung der Gegenwart einen Blick zurück, schon gar nicht gibt es einen Blick nach vorne.

Es stellt sich die Frage, ob dies nicht die Folge eines im Grundsatz liberalen Schemas ist. Danach gibt es zwar eine Geschichte, aber die Geschichte ist doch eher die Geschichte der Störungen eines sich selbst stabilisierenden Systems. Der freie Markt ist das Paradebeispiel. Wenn es nur den wirklich freien Markt gäbe, dann stabilisierte er sich immer wieder neu, kleinere Veränderungen würden aufgenommen und in einen neuen stabilen Zustand überführt. Hier ist Geschichte Nebensache. Natürlich gibt es Veränderungen, aber den Hauptton setzen die sich selbst stabilisierenden Systeme. Wenn man die Störung gering halten kann, dann geht das System wieder in einen stabilen Zustand über. Das gilt dann auch für die Natur: eigentlich ist sie stabil. Als ob die Evolution nicht von etwas ganz anderem reden würde: Hier ist alles Bewegung und Veränderung. Evolutionäre Nischen sind die Ausnahme und meist nicht auf Dauer gestellt.

Ich habe diese Grundgedanken liberaler Theorien schon immer für eine Fiktion gehalten: Eigentlich wäre die Welt wunderbar eingerichtet, nur leider gibt es ständig Störungen. Ich glaube, dass umgekehrt „ein Schuh daraus wird“: Wir leben in einer Welt, die sich in einer kontinuierlichen  geschichtlichen Veränderung befindet. Was gestern war, ist heute anders und wird morgen wiederum verändert sein. Stabilisierende Systeme sind Abstraktionen aus dieser Entwicklung. Sie mögen eine Zeit lang Stabilität ermöglichen, aber es ist immer damit zu rechnen, dass sie sich grundlegend verändern können.

Diese Sichtweise ist im Übrigen meiner Ansicht nach auch biblischer. Der christliche Gott ist ein Gott der Geschichte. Er hat sein Volk durch die Geschichte begleitet. Israel hat immer wieder die bewahrende Kraft Gottes, aber auch seinen Zorn erfahren und zum Ausdruck gebracht. Auch nach der Offenbarung Gottes in Christus hört die Geschichte nicht auf. Christinnen und Christen leben im Vorschein des kommenden Reiches Gottes. Deshalb ist die Erinnerung so wichtig, ist es wichtig, von Gottes Geschichte mit dem Menschen erinnernd zu erzählen. Und deshalb ist auch die Hoffnung so wichtig, weil sie einen Sinn dafür gibt, was noch aussteht. Wir sind eingebunden in eine geschichtliche Entwicklung, die wir nur mit Mühe überschauen können. Aber Versuche dazu, etwa durch Erzählungen, können auch immer wieder Neues entdecken, Neues in dem Vergangenen, das aber auch überraschende Einblicke in das gewähren kann, was kommen wird.

Doch wir diskutieren unsere Gegenwart nicht in diesem Spannungsbogen. Wir beschreiben sie nur in Ansätzen aus der Entwicklung der Vergangenheit heraus. Aber schon gar nicht beschreiben wir sie unter dem Vorzeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Stattdessen sind wir vernünftig und realistisch. Wir wissen nun, was Sache ist, haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Wir stehen nicht in einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern sehen die Vergangenheit als ein Reservoir an, aus dem wir unsere Folgerungen ziehen. Wir schauen natürlich in die Zukunft. Aber auch das tun wir vernünftig und realistisch: Wir stellen Prognosen an, zumeist mit „wissenschaftlichen“ Mitteln. Zumeist fallen die Prognosen negativ aus. Aber das zeigt ja nur, wie vernünftig und realistisch wir geworden sind.

Da ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Nichts gegen Prognosen, die jeder Mensch, der tatsächlich vernünftig und verantwortlich ist, anstellen muss. Aber warum fragen wir nicht viel intensiver danach, in welcher geschichtlichen Entwicklung wir leben? Warum versuchen wir nicht die politische und kulturelle Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Warum entwickeln wir keine Hoffnung und sehen die Wirklichkeit als eine zukunftsoffene Wirklichkeit an? Warum sind wir eigentlich kaum neugierig auf das, was da kommen wird? Der Versuch, die Welt als sich selbst stabilisierendes System zu verstehen, kann in manchen Fragen hilfreich sein. Die Menschheitsgeschichte aber zeigt: Zumeist wurde es auf überraschende Weise anders, als die Menschen zuvor geglaubt haben. Das gilt auch heute so, seien wir doch vernünftig und realistisch!