(2) Vertrauen und Risiko

Zwischenmenschliches Verhalten ist von Vertrauen bestimmt. Das ist zunächst eine positive Aussage über die zwischenmenschliche Kooperationsbereitschaft. Es ist aber auch eine Aussage über ein nicht zu beseitigendes Risiko. Vertrauen ist möglich, aber Vertrauen ist auch notwendig. Alltägliches Verhalten kann nicht ohne Vertrauen auskommen. Risiken treten nicht nur im Ausnahmefall auf.

Vertrauen im Alltag

Die Bedeutung des Vertrauens für die Gesellschaft wird deutlich, wenn alle Lebensbereiche einmal daraufhin befragt werden, was geschähe, wenn Misstrauen statt Vertrauen herrschen würde. Ich hole das Auto aus der Werkstatt ab, die Reifen wurden gewechselt. Vertraue ich, dass die Radmuttern fest angezogen sind? Ich gehe zu einer medizinischen Vorsorgeuntersuchung. Vertraue ich, dass die Untersuchung wirklich sorgsam durchgeführt wird? In der Bäckerei kaufe ich ein Brot und bekomme Wechselgeld zurück. Vertraue ich darauf, dass das stimmt oder zähle ich nach? Ich bringe ein für mich persönlich sehr wichtiges Paket zur Post. Vertraue ich darauf, dass es auch ankommt? Am Morgen steige ich in einen Bus, um zur Arbeit zu fahren. Vertraue ich darauf, dass der Busfahrer nicht übernächtigt oder gar alkoholisiert ist? Ich nutze eine digitale App, die mir das Leben erleichtert. Vertraue ich darauf, dass meine Daten nicht missbraucht werden? Diese Liste kleinerer oder größerer Vertrauensakte im Alltag ließe sich erkennbar beliebig fortsetzen.

Risiken in unserem Leben

Das Ergebnis ist deutlich: Ohne Vertrauen würden wir kaum unser Leben gestalten können. Das gilt im Übrigen auch für eigenes Handeln. Wir brauchen Selbstvertrauen, so dass wir beherzt handeln können. Darüber hinaus gilt: Zwischenmenschliches Verhalten geht immer mit einem Risiko einher. Es gibt leichtfertiges Verhalten von Menschen, es gibt böswilliges Verhalten von Menschen. Das Risiko ließe sich nur dann ausschließen, wenn andere Menschen keinen Einfluss auf mein Leben haben. Doch das ist in einer menschlichen Gesellschaft unmöglich. Das gilt für alle Gesellschaften, besonders aber für moderne Gesellschaften. Der Soziologe Ulrich Beck hat dafür auch den Begriff der Risikogesellschaft geprägt.

Umgang mit Risiken

Wie gehen wir mit den unvermeidlichen Risiken um? Vertrauen und Misstrauen schließen sich gegenseitig nicht aus. In allen, oben genannten Beispielen kann es sein, dass man dem anderen Menschen vertraut und doch genauer hinsieht. Wer einem anderen Menschen vertraut, kann immer auch zu einem bestimmten Grad noch misstrauisch sein. Auch sich selbst gegenüber kann bei allem Selbstvertrauen auch ein Rest Zweifel und Misstrauen existieren. Es kommt oft auf die Einschätzung des Risikos an, in welchem Verhältnis Vertrauen und Misstrauen zueinanderstehen.

Mischverhältnisse von Vertrauen und Misstrauen

So ist der Alltag von Mischungen von Vertrauen und Misstrauen bestimmt. Das Wechselgeld in der Bäckerei wird nicht nachgezählt, aber doch kurz im Augenwinkel abgeschätzt. Bei der digitalen App lesen wir aufmerksam die kritische Presse, ob etwas Negatives über sie zu lesen ist. Bei Risiken, die die eigene Gesundheit betreffen, sind wir besonders vorsichtig. Bei dem nächsten Stopp an einer Tankstelle, überprüfen wir die Radmuttern. Bei einer Arztdiagnose holen wir noch eine zweite Meinung ein.

Vertrauen ist auch bei Risikobewusstsein notwendig

Dennoch gilt: Es geht nicht ohne Vertrauen, reines Misstrauen wäre das Ende der zwischenmenschlichen Interaktionen, wir würden handlungsunfähig und damit umso mehr die Integrität unseres Lebens gefährden. Es ist nicht möglich, Risiken allein durch Misstrauen zu begegnen.

Ist es vielleicht gerade ein Alarmzeichen unserer Zeit, dass wir uns in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit so sehr darum bemühen, Risiken auszuschließen? Die Zahl von Warnmeldungen nimmt in den letzten Jahren deutlich zu. Hier zeigt sich vielleicht eine Folge der Diagnose von Ulrich Beck.

Link zum vorangegangenen Beitrag zum Thema Vertrauen

Was ist Vertrauen?

In dieser Reihe geht es um das Thema Vertrauen in gesellschaftlichen Krisenzeiten. In Krisenzeiten sind grundlegende Formen des Vertrauens gefährdet. Dabei ist Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz, ohne die vieles andere auch gefährdet ist. 

Vertrauen in die Umwelt

Menschen sind leibliche Wesen, sie brauchen Luft, Wärme, Flüssigkeit und Nahrung, um zu überleben. Jeder Mensch muss sich darauf verlassen, dass seine Umgebung diese Versorgung auch ermöglicht. Wir sind auf unsere Umwelt angewiesen, das erleben wir gerade jetzt, am Ende einer langen Periode der Ausbeutung fossiler Energien auf drastische Weise. Die Natur verändert sich durch unsere Eingriffe, sie wird bedrohlicher. Das ist auch für moderne Gesellschaften eine elementare Störung, weil Vertrauen immer auch Weltvertrauen ist.

Das soziale Miteinander lebt von Vertrauen

Menschen sind soziale Wesen, sie sind als endliche und bedürftige Wesen von Beginn des Lebens aufeinander angewiesen. Natürlich kann man sich im Idealfall einen Menschen vorstellen, der sich als Erwachsener völlig von der Gesellschaft isoliert und autark lebt. Das gilt jedoch nie für das gesamte Leben. Alle Menschen müssen ausnahmelos von anderen Menschen gezeugt, geboren, erzogen und behütet werden, bis sie dann im späteren Leben möglicherweise zur Selbstversorgung in der Lage sind. Die Menschheitsgeschichte ist auch die Geschichte einer zunehmenden sozialen Vernetzung. Das soziale Miteinander kompensiert nicht einfach nur Mängel, es setzt in den Kulturen einen großen Reichtum frei.

Vertrauen geht über Kontrolle hinaus

Die gegenseitige Abhängigkeit und die Unfähigkeit einzelner, ihre Beziehungen zur Umwelt, zu anderen Menschen vollständig zu kontrollieren, zeigen die grundlegende Bedeutung von Vertrauen. Wenn ich nicht alles kontrollieren kann, muss ich einfach darauf vertrauen, dass ich auch morgen satt werde, dass mir nahestehende Menschen nichts Böses wollen.

Eine Welt ohne Vertrauen ist kalt

Angenommen, die Kompensation wäre nicht mehr notwendig, angenommen es wäre einzelnen Menschen möglich, eine vollständige Kontrolle über ihre Versorgung und auch über die Entstehung von Nachkommen zu erlangen, so wäre diese Welt einer kontrollierten Sicherheit dennoch eine Horrorvorstellung. Alles wäre kalt und auf Funktionen reduziert. Vertrauen erst macht die menschliche Welt warm, erst sie lässt zwischenmenschliche Beziehungen reich werden und über sich selbst hinaus streben.

Vertrauen ist eine positive Kraft

Vertrauen ist nämlich nicht Ausdruck einer Strategie mit den eigenen Mängeln umzugehen. Als Kompensationsstrategie wäre Vertrauen nicht angemessen erfasst. Denn das Vertrauen ist eine positive, eine gestaltende Kraft. Menschen haben die Begabung, anderen Menschen zu vertrauen. Dies zeigt etwa auch die Redewendung „jemandem Vertrauen schenken“.  Hier zeigt sich eine Stärke, die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung möglich macht und bereichert.

Vertrauen ist immer gefährdet

Vertrauen ist nie von Sicherheit und Eindeutigkeit bestimmt. Das unterscheidet es fundamental von der Kontrolle. Vertrauen ist nicht ohne Risiko. Vertrauen kann ebenso gewonnen wie verloren werden. Es gibt beim Vertrauen eine grundlegende Asymmetrie, die wir alle kennen und auch schon erfahren haben: Vertrauen kann schnell zerstört werden, lässt sich aber nur langsam aufbauen. Das macht das Vertrauen gerade in gesellschaftlich krisenhaften Zeiten zu einer so kostbaren Größe.

Die große Anfrage an moderne Gesellschaften

Moderne Gesellschaften leben wie jede menschliche Gesellschaft von Vertrauen.  Stabile Vertrauensverhältnisse über die geteilte Lebenswelt vermittelt. Ich traue den Menschen, mit denen ich auf geraume Zeit zusammenlebe. Die starke Verunsicherung des gesellschaftlich vermittelten Vertrauens hat auch mit der Gestalt moderner Gesellschaften zu tun. Hier wird Vertrauen schnell zu einer prekären Größe, weil sie nicht mehr über traditionelle Formen sozialer Verbundenheit stabilisiert werden kann. In einer Krise, also in einer Situation, in der die eingeübten gesellschaftlichen Abläufe und Systeme nicht mehr so einfach fortgesetzt werden können, ist das Vertrauen schnell gefährdet und in besonderer Weise herausgefordert. Komplexe Gesellschaften leben aber von einer erheblichen Vertrauensbereitschaft. Vertrauenskrisen treffen moderne Gesellschaften unmittelbar.

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