Warum vertrauen wir anderen Menschen? Könnten wir es nicht auch sein lassen? So lange wir miteinander handeln, so lange ist Vertrauen eine unumgängliche Dimension unseres Handelns. Und: als Menschen sind wir angewiesen darauf, miteinander zu handeln.
Die Bedingungen der leiblichen Existenz
Ein einzelner Mensch, der völlig autark leben wollte, bräuchte auf erstem Blick kein Vertrauen zu anderen Menschen. In dieser Vorstellung spiegelt sich ein zentrales und sehr mächtiges Leitbild unserer Zeit. Aber, um überleben zu können, braucht jeder Mensch Artefakte, die ihm das Überleben ermöglichen. Ein Einzelner kann nicht alles vollständig neu erfinden. Hier zeigt sich eine fundamentale Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit ist Ausdruck unserer leiblichen Existenz. Als leibliche Wesen sind wir bedürftige, verletzlich und so auch abhängige Wesen. Alle Fantasien, die von der Autarkie einzelner Menschen ausgehen, ignorieren diese Bedingungen der leiblichen Existenz.
Menschen als Mängelwesen
Wir Menschen sind Mängelwesen. Unsere dürftige biologische Ausstattung hat zur Folge, dass wir nicht überleben, wenn wir nicht die Unterstützung anderer Menschen, wenn wir eine Unterstützung durch Artefakte zur Verfügung haben. Zu den Artefakten gehört schon die Kleidung, aber auch Werkzeuge und die Fähigkeit, verlässlich Feuer zu machen. Also braucht jeder Mensch entweder direkte Hilfe durch andere Menschen oder aber indirekt durch die Hilfe von Artefakten, die wiederum auch durch andere Menschen entwickelt und bereitgestellt worden sind. Dies gilt ausdrücklich auch für einen fähigen, aktiven erwachsenen Menschen, der sich in vielem auch selbst helfen kann.
Der Mensch in seinen bedürftigen Lebensphasen
Tatsächlich ist unsere menschliche Situation aber noch viel prekärer. Wir kommen auf die Welt als vollständig Abhängige. Die Abhängigkeit in den ersten Lebensjahren kann prinzipiell nicht beseitigt werden. Ohne andere Menschen haben wir nicht einmal die Möglichkeit, den Beschluss zu fassen, unabhängig leben zu wollen. Kann man aber nicht die Fürsorge durch Technik ersetzen? Vielleicht ist das irgendwann möglich, aber dann verlagert sich die Fürsorge nur auf die Gestaltung der Technik, die die unmittelbare Fürsorge ersetzt. Andere Phasen des gesteigerten Angewiesenseins auf andere Menschen sind das Alter und die Krankheit. All das zeigt: Vertrauen ist ein Grundelement menschlicher Existenz.
Vertrauen ermöglicht Kultur
Das Bedeutung des Themas Vertrauen lässt sich nicht nur über die Betonung des Mangels und der Bedürftigkeit deutlich machen, sondern auch über die positive Fähigkeit zur menschlichen Kultur. Der Anthropologe Michael Tomasello hat zeigen können, dass die Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln nicht nur der Kompensation von Mängeln geschuldet ist, sondern auch zu einer Explosion menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten geführt hat. Tomasello nennt dies den Wagenheber Effekt, der die Spezies Mensch von allen anderen Spezies unterscheidet. Der Effekt beruht auf der Fähigkeit der geteilten Intentionalität.
Geteilte Intentionalität
Was heißt das? Tiere können sich auch in ihrem Verhalten auf ein gemeinsames Objekt beziehen. So warnen Vögel Artgenossen durch ihren Ruf, wenn ein Fressfeind sich nähert. Sie beziehen sich auf dasselbe Objekt, auf dasselbe Gegenüber. Beim Menschen aber kommt noch etwas hinzu, nämlich das Wissen darum, dass das Gegenüber die gleiche Intention hat. Dadurch wird die geteilte Intentionalität sehr viel variantenreicher. So ist es möglich, sich in gleicher Weise auf ein imaginäres Objekt zu beziehen. Es ist möglich, sich in gleicher Weise auf ein abwesendes Objekt zu beziehen. Menschen warnen nicht nur aktuell vor Fressfeinden, sondern können auch überlegen, wie sie das nächste Mal ein besseres Warnsystem aufbauen können.
Geteilte Intentionalität als Keimzelle der Kulturentwicklung
Tomasello sieht in der geteilten Intentionalität die Keimzelle menschlicher Kulturentwicklung. Und damit ist von Beginn an das Vertrauen gesetzt. Denn die geteilte Intentionalität könnte ja auch nur vorgetäuscht sein. Jeder Mensch ist sich bewusst, dass die, der andere eine Vorstellung von den eigenen Absichten hat. So lassen sich die Absichten aber auch vortäuschen, zu den eigenen Gunsten und zum Nachteil der anderen. Jede kulturelle Entwicklung beruht also auch auf dem Vertrauen, dass andere Menschen ihre Intentionalität nicht nur vorspielen.
Vertrauen korreliert mit menschlicher Verbundenheit
In der negativen Wendung (die Bedürftigkeit und Abhängigkeit der Menschen) wie in der positiven Wendung (die Fähigkeit zu einer komplexen kulturellen Entwicklung) zeigt sich, wie elementar das Vertrauen für die menschliche Existenz ist. Sie ist ein Ausdruck unaufhebbarer menschlicher Verbundenheit. Zu der Frage menschlicher Verbundenheit gibt es hier mehr Informationen.