Religion bezieht sich auf Transzendenz, die über unsere Welt, die Immanenz, hinausgeht. Das klingt nur auf dem ersten Blick einleuchtend. Tatsächlich ist das aber eine moderne Verzerrung eines alten Anliegens.
Die Unterscheidung von Vordergrund/Gestalt und Hintergrund
Jesus von Nazareth predigte vom Reich Gottes. Ist das Reich Gottes damit eine transzendente Größe?
In dem letzten Blogbeitrag habe ich vorgeschlagen, die Differenz zwischen der Welt und dem Reich Gottes analog zu einer Differenz zwischen der Gestalt im Vordergrund und einem Hintergrund zu deuten. (siehe hier). Das Reich Gottes ist in diesem Sinne aber nicht irgendein Hintergrund. In gewisser Weise ist es der Hintergrund aller Hintergründe, es ist ein absoluter Hintergrund. Es ist jener Hintergrund all dessen, was uns in der Welt erscheinen kann, was wir beobachten können, was in den Vordergrund gehoben werden kann.
Dieser Hintergrund ist einerseits umfassend, keine Gestalt in dieser Welt nicht auch vor dem Hintergrund des Reiches Gottes gesehen werden kann. Es ist als absoluter Hintergrund andererseits auch unzugänglich. Er kann selbst nie zum Vordergrund gemacht, direkt untersucht werden.
Die neuzeitliche Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz
Die Differenz zwischen Gestalt und Hintergrund unterscheidet sich tatsächlich gravierend von der klassischen Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. Denn zwischen Transzendenz und Immanenz gibt es eine nicht zu überbrückende Grenze. Beide Seiten haben nichts gemeinsam, wo das eine anfängt, hört das andere auf. Es sind zwei Bereiche, die klar voneinander getrennt sind. Der eine Bereich, die Immanenz, ist weltlich zu deuten, der andere Bereich, die Transzendenz, ist religiös zu deuten.
Die Immanenz umfasst alle Erscheinungen der Welt. Diese stehen miteinander in einem nachvollziehbaren Zusammenhang. Die Neuzeit brachte mit den Naturwissenschaften eine Revolution der Welterkenntnis mit sich, die es möglich machte, die Verhältnisse in der Welt immer genauer zu beschreiben und zu deuten. Die Wissenschaften erforschen die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten. Diese neue, bis dahin ungeahnte Stärke der naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung zwang die Theologie zu einer Antwort. Denn bis zur Neuzeit war es für sie selbstverständlich, die Welt und ihren Aufbau mit religiöser Autorität zu deuten. Das wurde nun immer weniger plausibel. Die neuzeitliche Theologie betonte deshalb zunehmend die Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. So hatte sie einen Bereich, der für die Naturwissenschaften unzugänglich war.
Die biblische Unterscheidung von Himmel und Erde
Biblisch gibt es dafür scheinbar eine gute Grundlage: Die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist die Sphäre Gottes, die Erde ist jener Bereich, in dem die Menschen leben und handeln. Gott kann die Sphärengrenze durchbrechen und in das Geschehen auf der Erde direkt oder indirekt eingreifen, er kann Botinnen und Boten schicken, die sein Wort, seinen Willen verkünden. Die Menschen mögen ihrerseits versuchen, die Grenze zum Himmel zu durchbrechen, es gelingt ihnen aber nicht. Biblisch steht dafür die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Gott interveniert, er lässt die Menschen nicht seine Sphäre erreichen.
Der „Erfolg“ der Rede von der Transzendenz
So gibt es also auf erstem Blick eine gute biblische Vorlage für die neuzeitliche Unterscheidung zwischen Transzendenz und Immanenz. Diese Unterscheidung erscheint nur als eine kleine Modifikation der traditionellen christlichen Rede von der Schöpfung mit der Unterscheidung von Himmel und Erde. Der unbestreitbare „Erfolg“ ist zunächst einmal eine Immunisierung theologischer Aussagen. Sie stehen nicht mehr in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, weil sie sich ja auf die Transzendenz beziehen, die die Naturwissenschaften als weltliches Erkenntnisprojekt nicht erreichen können. Die Unterscheidung schien also eine kluge Strategie zu sein. Was auch immer die naturwissenschaftliche Forschung entdeckt, es sind stets Verhältnisse, die sich auf die Immanenz beziehen. Die Transzendenz, die Sphäre Gottes, die die Theologie beschreibt, bleibt davon unberührt.
Die negativen Folgen der Rede von der Transzendenz
Doch ist die Vorstellung, die Unterscheidung von Himmel und Erde lasse sich übersetzen in Transzendenz und Immanenz nicht nur theologisch falsch. Auch die Wirkung dieser Unterscheidung war katastrophal. Durch eine immer bessere Beschreibung der Welt durch die Naturwissenschaften, durch eine immer weitere Durchdringung von wissenschaftsbasierter Technik und Lebenswelt blieben immer mehr Menschen von der theologischen Rede von einem transzendenten Gott unberührt. Mag sein, dass es einen solchen transzendenten Gott gibt, aber wen interessiert das, wenn es um eine völlig unbekannte Transzendenz geht? Im technikgeprägten Alltag gibt es keinen Anlass, sich über diese Transzendenz Gedanken zu machen. Der Bezug auf Gott wird zu einer möglichen, aber in der Regel wohl eher überflüssigen Referenz.
Das Reich Gottes als absoluter Hintergrund ist nah und wirkt
Mit Hilfe der hier getroffenen Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund wird aber deutlich, dass die neuzeitliche Reinterpretation von Himmel und Erde als Transzendenz und Immanenz etwas Entscheidendes übersieht und damit auch theologisch falsch wird. Der in der Bibel beschriebene Himmel ist zwar für antike Menschen eine völlig unzugängliche Sphäre, aber sie bleibt sichtbar, zu jedem Augenblick eines Lebens auf der Erde. Diese Sichtbarkeit ist nicht nebensächlich. In gewisser Weise war für die antiken Menschen der Himmel so etwas wie ein stets präsenter, aber unerreichbarer Hintergrund. Er war ebenso präsent und nah wie das Reich Gottes in den Reden Jesu erscheint.
Die Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund nimmt diese Erfahrung der Nähe auf. Das Reich Gottes ist hier der umfassende Hintergrund aller weltlicher Vorgänge. Auch hier gilt, dass der Hintergrund nicht zugänglich ist, er ist ein absoluter Hintergrund. Das ist eine Eigenschaft, die das Reich Gottes als Hintergrund mit dem antiken Himmel und der neuzeitlichen Transzendent eint. Aber entgegen der neuzeitlichen Vorstellung von Transzendenz ist das Reich Gottes als absoluter Hintergrund in den weltlichen, alltäglichen Wahrnehmungen zu ahnen, es ist möglich, sich zumindest indirekt darauf zu beziehen, es ist nicht jenseits einer undurchdringlichen Grenze, sondern beeinflusst das Diesseits auf Schritt und Tritt.
Das Reich Gottes als Hintergrund weltlicher Vorgänge ist damit für unsere weltlichen Verhältnisse relevant. Es ist nicht eine transzendente Sphäre, völlig unzugänglich aus irdischer Perspektive. Wer eine Ahnung von der Nähe des Reiches Gottes bekommt, sieht die Dinge der Welt in einem anderen Licht. Diese Nähe des Reiches Gottes führt zu einem anderen reden über die Welt und zu einem anderen Handeln in der Welt.