Zur Diskussion der Widerspruchslösung bei der Organspende

In diesem Herbst wird der Bundestag ein Gesetzentwurf zur Organspende diskutieren, der die so genannte „Widerspruchslösung“. Sie soll einen Ausweg aus dem Problem der zu geringen Zahl von Organspendern in Deutschland weisen. Doch geht es bei dem Wechsel der jetzt geltenden erweiterten Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung nicht einfach nur um eine Änderung in einer Prozedur. Die Änderung gegenüber der bisher bestehenden Regelung ist tatsächlich weitreichend, weil sie die Grundbedingungen für eine „Organspende“ ändert.

Die erweiterte Zustimmungslösung und ihre Probleme

Nach der bislang geltenden so genannten erweiterten Zustimmungsregelung muss die mögliche Spenderin, der mögliche Spender schon vorab die Bereitschaft zur Organspende dokumentiert haben, etwa durch einen Organspendeausweis. Liegt eine solche Dokumentation des Willens nicht vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt.

Dieses Verfahren ist alles andere als ideal. Insbesondere kann es besondere Härten schaffen, wenn die Angehörigen gefragt werden. Dies ist durch die Situation einer möglichen Organspende bedingt. Als Organspender kommen ja nur solche Menschen in Betracht, bei denen während einer intensivmedizinischen Behandlung der Hirntod festgestellt wird, deren körperlicher Zustand aber noch in einem solchen Zustand ist, dass spendefähige Organe entnommen werden können. Das ist zum Beispiel bei Unfallopfern der Fall. Ist eine mögliche Spenderin, ein möglicher Spender erst einmal identifiziert, kann der folgende Prozess der Organentnahme nicht beliebig hinausgezögert werden. Zum einen warten mögliche Empfänger auf ein Spendeorgan, zum anderen kann eine intensivmedizinische Behandlung nicht unbegrenzt fortgeführt werden.

In dieser Situation entsteht also ein großer Druck auf alle Beteiligten. Ärztinnen und Ärzte sehen sich zu schnellem Handeln veranlasst. Wenn nun eine eindeutige Willensbekundung in Form eines Organspendeausweises vorliegt, wird die weitere Prozedur zügig abgewickelt. Das Krankenhaus meldet die Organe, die Entnahme kann vorbereitet werden. Äußerst problematisch ist die geltende Regelung aber, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Dann müssend die nächsten Angehörigen gefragt werden. Das aber geschieht in einer denkbar belasteten Situation. Wenn denn die möglichen Spender durch einen schweren Unfall in diese Situation geraten sind, so liegt zwischen der Nachricht der Unfallfolgen, der Nachricht, wie schwer die Verletzungen sind und der Frage, ob Organe entnommen werden können, nur sehr wenig Zeit. Die Angehörigen können also nicht mit genügendem Abstand in Ruhe entscheiden, sondern sind mit der Frage unmittelbar nach der Erkenntnis konfrontiert, dass der ihnen nahe stehende Mensch irreparable Verletzungen erlitten hat und nach keine Möglichkeiten hat, zu einem stabilen Leben zurückzukehren. Sie oder er liegt im Sterben. In dieser Situation wird nun eine weitreichende Entscheidung der Angehörigen notwendig. Hier kommt es immer wieder zu Entscheidungen, die von den Angehörigen im Nachhinein bitter bereut wurden. Dies kann zu langanhaltenden traumatischen Erlebnissen führen, so dass die Angehörigen im Nachhinein urteilen, dass sie den ihnen nahe stehenden Menschen in einem entscheidenden Moment verlassen, ja verraten haben.

Der Wechsel zur Widerspruchslösung

Was ist nun die doppelte Widerspruchslösung? Nun kommt jede Bürgerin, jeder Bürger zunächst einmal für eine Organspende in Frage. Der von der staatlichen Gesetzgebung vorgesehene Standardfall ist also der, dass einem  Mensch im Falle der Diagnose des Hirntodes Organe entnommen werden können. Die behandelnden Ärzte, die den Hirntod feststellen, fragen bei einem Zentralregister nach, ob von der fraglichen Person ein Widerspruch vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, müssen noch die Angehörigen gefragt werden, ob sie von einem Dokument mit einem Widerspruch wissen oder ob sie von einem solchen klar geäußerten Willen Kenntnis haben. Wenn beides nicht der Fall ist, können die Organe entnommen werden.

Der Wechsel von der Zustimmung zum Widerspruch ist weitreichend. In dem ersten Fall ist ein Patient zunächst einmal kein Organspender, kann sich aber zu einem solchen erklären, wenn er aktiv einer Organspende zustimmt. In dem zweiten Fall ist jede Bürgerin, jeder Bürger Organspender. Diejenigen, die widersprechen, bilden nun die Ausnahme. Das heißt, die Patienten in der Intensivmedizin, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, sind zunächst einmal Spender. Doch stellen sich in dieser neuen Konstellation grundlegende Fragen. Kann man einen Menschen in dieser Prozedur noch als „Spender“ ansehen? Wenn man von Staatswegen davon ausgehen kann, dass jeder Bürgerin, jedem Bürger in dem spezifischen Fall der Hirntoddiagnose Organe entnommen werden können, ist dieser Vorgang dann noch eine Spende? Diese ist doch gerade ein ungezwungener und freier Akt! Statt von Organspende müsste man dann von einer regulierten Organentnahme reden. Diese terminologische Differenz zeigt schon an, dass hier ein grundlegender Wechsel vorliegt und nicht nur eine Veränderung einer Prozedur.

Erhebliche praktische Probleme der Widerspruchslösung

Neben der fundamentalen Anfrage stellen sich auch organisatorische Probleme, die eine erhebliche Reichweite haben. Eine Widerspruchslösung setzt voraus, dass jede und jeder vollumfänglich informiert ist und nach reiflicher Überlegung frei entscheidet. Doch wie will man das angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen, der Milieuunterschiede und des unterschiedlichen Umgangs mit Medien sicherstellen? Wie will man verhindern, dass die für eine Widerspruchslösung notwendige Auseinandersetzung nicht in sehr unterschiedlichem Maße in den unterschiedlichen Schichten stattfindet und etwa stark mit dem Bildungsgrad korreliert? Hier tun sich erhebliche Gerechtigkeitsfragen auf. Die unterschiedlichen Grade der Informiertheit in der Gesellschaft lassen erwarten, dass es eine sehr unterschiedliche Intensität in der Beschäftigung mit dem Thema gibt.

Weiterhin wird die problematische Rolle der Angehörigen, die ja schon bei der Zustimmungslösung besteht, nicht gemindert. In der vorgesehenen Widerspruchslösung müssen die Angehörigen sogar gefragt werden. Wer will verhindern, dass nicht noch mehr Menschen im Nachhinein ihre Entscheidung bereuen und sich Vorwürfe machen, weil sie in einer entscheidenden Situation falsch entschieden haben?

Andere Auswege aus der geringen Zahl von Spenderorganen

Es ist unbestritten, dass die geringe Zahl von Spendern ein Problem darstellt und man darf das Problem nicht kleinreden. Es gibt sehr viele schwer kranke Menschen in diesem Land die vergeblich auf Spenderorgane warten. Das ist umso bitterer, als es nach dem Stand der Medizintechnik möglich gewesen wäre, ihnen zu helfen. Jedoch sollte man zunächst alle weiteren Optionen innerhalb des Systems der Zustimmungslösung ausschöpfen bevor man zu so einer drastischen Maßnahme greift wie des Systemwechsels zur Widerspruchslösung. Dazu gehören etwa die Verbesserung der Infrastruktur, etwa eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser, so dass sie adäquat reagieren können. Diese Veränderungen kosten Geld und sind keine schnelle Lösung. Aber schnelle Lösungen haben oft im Nachhinein weitreichende und vielleicht auch nicht intendierte Folgen.

Wissenschaft oder Weltanschauung – tertium non datur?

Dieser Vorwurf wird im Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie von Vertreterinnen und Vertretern einer naturalistischen Position oft erhoben: Gläubige Menschen argumentieren weltanschaulich, weil sie sich nicht mit einer (natur-)wissenschaftlichen Beschreibung der Welt zufrieden geben. Der Vorwurf impliziert, dass man entweder die Welt wissenschaftlich beschreibt oder, wenn man die Grenzen der Wissenschaften überschreitet, weltanschaulich argumentiert.

Zwei getrennte Bereiche?

Zunächst legt sie nah, es gäbe zwei säuberlich abgetrennte Bereiche, den der Wissenschaft und den der Weltanschauung. Der eine Bereich ist von Aussagen bestimmt, die empirisch bestätigt sind, der andere von Aussagen, die auf Wünschen, Fantasien, Glaubensvorstellungen und so weiter beruhen. Etwas Drittes ist nicht möglich, Aussagen über die Welt sind entweder wissenschaftlich oder weltanschaulich. Da aber weltanschauliche Aussagen vermieden werden sollten, ist man als vernünftiger Mensch gehalten, sich auf die wissenschaftlichen beschränken. Meiner Ansicht nach aber ist diese Unterscheidung, auf die der Vorwurf beruht, nicht zu halten.

Ein Beispiel aus der Kultur

Was macht man mit der Aussage: „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter.“? Es ist offenkundig, dass diese Aussage über Bertold Brecht keine wissenschaftliche Aussage ist. Es gibt kein Verfahren, keine Methode, die die Aussage bestätigen oder widerlegen kann. Nun werden die Verfechter des Naturalismus einschränken, dass die Aussage über Bertold Brecht als begnadeter Dichter ja eine Wertung beinhaltet. Das ist der Fall. Und doch ist es keine Aussage über fantastische Begebenheiten, über Einhörner oder Fantasiewelten. Vielmehr ist dies eine Aussage über jemanden, der unbezweifelbar Teil der wissenschaftlich beschriebenen Welt war, nämlich das Individuum Bertold Brecht mit einer bestimmten DNA, einem bestimmten, historisch nachvollziehbaren Lebensweg. Folgt man dieser Einschränkung, dass alle wertenden Aussagen nicht wissenschaftlich sind, dann sind sie notwendigerweise nach der obigen Unterscheidung weltanschaulich.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind sogar notwendig

Nun aber kann kein Mensch wertende Aussagen vermeiden. Niemand kann sich ohne wertende Aussagen in der Welt orientieren, dementsprechend machen in der obigen groben Unterscheidung alle Menschen notwendigerweise immer auch weltanschauliche Aussagen. Die Vorstellung zweier in sich geschlossener Bereiche ist damit hinfällig. Wertende und damit weltanschauliche Aussagen durchdringen den Alltag. Dann aber geht der Vorwurf, Christinnen und Christen würden weltanschaulich argumentieren, ins Leere, da doch alle Menschen, sofern sie Wertungen vornehmen, notwendigerweise weltanschauliche Aussagen vertreten.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind nicht nur subjektiv

Nun können die Verfechter des Naturalismus weiterhin einschränken, dass die Aussage „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter“ als wertende Aussage eine subjektive Aussage ist, die nicht den Anspruch erhebt, objektiv gültig zu sein. Doch was heißt das? Könnte man genauso gut das Gegenteil behaupten? Diejenigen, die Brecht für einen guten Dichter halten, werden vehement widersprechen, auch jene, die zugleich Naturalisten sind. Denn eine solche wertende Aussage soll nicht nur für den Menschen gültig sein, der sie ausspricht, sondern für möglichst viele, wenn sie denn zustimmen. Wenn nur ein einziger Mensch etwas mit einer Aussage anfangen kann, braucht er sie gar nicht erst zu äußern. Sie ist so inhaltsleer wie irgendein unverständiger Laut. Vielmehr erwartet der Mensch, der die Aussage macht, dass andere ihr oder ihm zustimmen. „Ja in der Tat, Brecht war ein begnadeter Dichter, man denke nur an seine Kunst, mit sprachlich kargen Mitteln so treffende Ausdrücke zu finden!“ An die erste Aussage mit einem wertenden Gehalt schließt sich im Dialog eine weitere, ebenfalls mit einem wertenden Gehalt an. Deshalb werden wertorientierte Aussagen gemacht. Sie appellieren an andere Menschen, zuzustimmen.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind wichtig für das Zusammenleben

Das heißt aber, dass solche wertenden Aussagen in zahlreicher Form existieren und menschliche Gemeinschaften durchdringen. Diese Aussagen sind nicht wissenschaftlich, das sei zugestanden und doch sind sie für keinen Menschen, der in einer sozialen Umwelt lebt, verzichtbar. Dann aber ist es nicht entscheidend, dass man wertende Aussagen macht, sondern, wie man mit ihnen umgeht. Nun steht der anfangs geäußerte Vorwurf der Weltanschauung im Raum. Doch eine Weltanschauung ist eine geschlossene Theorie über die Welt, allerdings eine, die auch auf nicht wissenschaftliche Aussagen ruht.

Glaubensaussagen jenseits von Wissenschaft und Weltanschauung

Es wäre in der Tat gefährlich, weltanschauliche Aussagen mit den wissenschaftlichen Aussagen gleichzusetzen. Überhaupt ist die Vorstellung, es gäbe so etwas wie die eine und richtige Anschauung von der Welt für eine offene Gesellschaft bedrohlich. Und ja, es gab Zeiten, in denen christliche Aussagen über die Welt wie weltanschauliche Aussagen behandelt wurden. Aber es gibt ein tertium datur. Man kann die christlichen Aussagen über die Welt als Schöpfung Gottes vielleicht besser verstehen, wenn man sie mit wertenden Aussagen vergleicht. Sie sind nicht einfach subjektive Eindrücke, schon gar nicht sind sie Aussage über Fantasiewelten. Sie sind Aussagen über die Welt, die um Zustimmung werben. Es sind Aussagen, von denen diejenigen überzeugt sind, die sie äußern. Sie hegen die Hoffnung, dass möglichst viele andere diesen Aussagen zustimmen. Und doch sind sie keine geschlossene Weltanschauung. Denn Christinnen und Christen wissen, dass man Gott nicht in geschlossene Theorien fassen kann. Der christliche Glaube bezeugt die Wahrheit des Glaubens, sie hat sie aber nicht verfügbar. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wer ihn berücksichtigt findet sich in größerer Nähe zu jenen, die Bertold Brecht einen großen Dichter nennen als zu jenen, die sich allein auf Wissenschaftliches reduzieren und jenen, die geschlossene Weltbilder verkünden.

Schöpfung versus naturwissenschaftlich beschriebener Welt

Warum reden wir von der Schöpfung?

Die „Schöpfung“ ist auch heute ein öfter gebrauchtes Wort. Auch in einer säkularen Kultur kommt es hin und wieder vor. Der Slogan „Die Schöpfung bewahren“ leuchtet vielen ein, auch wenn sie nicht viel mit dem Glauben an Gott anfangen können. Es geht vielen, auch den Aktivisten von „Fridays for Future“ darum, zu verhindern, dass sich das Weltklima drastisch ändert. Es geht darum, die Verhältnisse, die wir auf der Erde vorgefunden haben, möglichst zu erhalten. „Unser Klima erhalten“ hat eine große Nähe zu „Schöpfung bewahren“. Damit ist in der Tat etwas ganz Wichtiges angesprochen, worauf das Wort „Schöpfung“ zielt.

Schöpfung und Natur – ein Spannungsverhältnis

Andererseits einmal wirkt das Wort „Schöpfung“ veraltet, aus der Zeit gefallen. Wer „Schöpfung“ sagt, muss doch auch einen „Schöpfer“ annehmen, wer von der „Schöpfung“ redet, redet auch von Gott, den Schöpfer. Doch genau das fällt immer mehr Menschen in unserer Zeit sehr schwer. In früheren Zeiten war die Rede von der Schöpfung eine allgemein akzeptierte Weise, von der Welt zu reden. Die christliche Rede von der Schöpfung war eng verbunden mit den Vorstellungen der klassischen griechischen Philosophie. Im Mittelalter waren sie die schlüssigsten Weltbeschreibungen, die man kannte.

Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit. Nun entstanden Theorien über die Welt, die nicht so leicht mit der christlichen Überlieferung vereinbaren ließen. In den ersten Jahrhunderten gab es nicht wenige Naturforscher, die die Hoffnung hatten, beides, das Christentum und die Wissenschaft mit zu einem harmonischen Ganzen  vereinen zu können. Dazu gehörten viele führende Forscher wie Isaak Newton oder Johannes Kepler. Doch spätestens im 19. Jahrhundert brach diese Verbindung ab. Nun standen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und auf der anderen Seite die christlichen Überlieferungen. Die große Mehrzahl der Christinnen und Christen entziehen sich seitdem dieser Spannung, indem sie den Glauben als etwas Subjektives, als etwas Individuelles beschreiben. Es kommt danach vor allem auf die eigenen persönlichen Erfahrungen an, die man macht. Das ermöglicht, den Glauben zu bewahren, auch wenn man auf der anderen Seite als moderner Mensch den Naturwissenschaften Recht gibt.

Die Rede von der Schöpfung bleibt unverzichtbar

Eine Ausnahme stellt dann die moralische, die appellative Rede dar: „Wir müssen die Schöpfung bewahren!“. Doch wenn man dann nachfragt, was genau unter der Schöpfung zu verstehen ist, dann ist damit oft nichts anderes gemeint, als das, was die Naturwissenschaften beschreiben, es geht dann etwa um das 2 Grad Ziel. Meiner Ansicht nach, reicht eine solche mahnende Rede von der Schöpfung nicht aus. Wenn die biblischen Texte von der Schöpfung reden, meinen sie viel mehr. Sie weisen auf eine ganz eigene Dimension von Wirklichkeit, die nicht subjektiv ist, die aber auch von den Naturwissenschaften nicht erfasst werden kann. Wie kommt diese Dimension von Wirklichkeit in den Blick? Der entscheidende Punkt ist, auf den zu achten, wer redet. Menschen, die über die Welt reden, sind voll und ganz Teil von dem, worüber sie reden. Diese Ausgangsbedingung dürfen wir nicht ignorieren, denn wenn man sie übersieht, führt das zu Verzerrungen. Die Welt ist kein Gegenüber, sondern umhüllt uns. Wir sind auf das Innigste mit der uns umgebenden Wirklichkeit verbunden. Das belegt jeder Atemzug, die Nahrung, die Wärme, ohne die wir nicht existieren können.

Die Naturwissenschaften beschreiben dagegen die Welt, als ob die Wissenschaftler als Beobachter nicht dazu gehörten. Das ist der Kern des Erfolgs der Wissenschaften: Sie erkennen nur, indem sie strenge Methoden anwenden. Methoden aber sind ein geregeltes Verfahren, um etwas auf Abstand zu bringen. Wenn man einen klaren Nachthimmel mit einer überwältigenden Zahl von Sternen sieht, kann man ganz ehrfürchtig werden. So reagieren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch dürfen sie nicht bei dem Staunen stehen bleiben, wenn sie die Wissenschaft ernst nehmen, sondern müssen dann nüchtern und kontrolliert eine Fülle von Details untersuchen, die einem laienhaften Blick verborgen bleiben.

Wer aber von der Schöpfung redet, hält an dem Staunen und der Ehrfurcht fest. Denn auch das Staunen und die Ehrfurcht zeigen etwas über diese Welt. Das ist so, gerade weil wir Menschen uns nicht auf die Rolle eines neutralen Beobachters beschränken können. Wir sind Teil von dem, was wir betrachten. Als im letzten Sommer für längere Zeit in Deutschland der Regen ausblieb, beschlich nicht wenige Menschen eine starke Irritation. Die scheinbar bekannten Landschaften, die Felder und Wälder zeigten sich mit einem Mal in einem neuen Licht: Sie waren durch die Trockenheit gefährdet, die Ernte war gering oder blieb ganz aus, Waldbrandgefahr an allen Orten. In solchen Situationen erkennen wir mit aller Intensität, wenn abhängig wir sind von unserer Umgebung, von der uns umgebenden Wirklichkeit.

Die Schöpfung weist auf den Schöpfer

Es geht hier um Abhängigkeit, um Verletzlichkeit, um Verbundenheit. Auf diese Dimension der Wirklichkeit will der Begriff der Schöpfung weisen! Das steht im Zentrum der biblischen Texte. Es geht auch nicht um eine Welttheorie, sondern um das Verhältnis, das wir leibliche Menschen zu unserer Umwelt haben. Auch in der naturwissenschaftlich und technisch bestimmten Moderne haben wir uns nicht von der Abhängigkeit lösen können. Die Abhängigkeit und die Verbundenheit gehören zum Menschsein, solange Menschen leben.

Soweit können auch säkulare Menschen, die dem Glauben fern stehen, zustimmen, ohne dass sie deshalb die Natur Schöpfung nennen müssten. Der Abhängigkeit und Verbundenheit mit der Wirklichkeit wird von Christinnen und Christen nun aber mit dem Wort der Schöpfung beschrieben. Denn die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur ist nur ein Hinweis auf die noch  tiefere Verbundenheit mit Gott. Das kommt zum Ausdruck, wenn Gott Noah verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) In der Verbundenheit mit der Natur kann die tiefere Verbundenheit mit Gott entdeckt werden. Das kommt auch zum Ausdruck, wenn Jesus auf die Lilie auf dem Felde weist: „Schaut die Lilien auf dem Felde an! (…) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 5, 28.30)

Wer von der Schöpfung redet, sieht sich bewusst als ein endlicher und verletzlicher Mensch. Der Hinweis auf die Schöpfung ist eine Möglichkeit, Spuren Gottes in der Welt zu entdecken. Genau das tun die Naturwissenschaften nicht, das können und wollen sie nicht, gerade weil sie methodisch kontrolliert die Welt betrachten. Es gibt ein weiteres Indiz, dass die Rede von der Schöpfung von derselben Wirklichkeit redet und doch etwas ganz anderes meint als die Naturwissenschaften. Die Zuwendung Gottes in der Schöpfung zeigt sich immer konkret in diesem oder jenem Lebewesen. Die Liebe ist immer konkret, nie abstrakt allgemein. Doch einzelne Wesen sind in der Regel in den Naturwissenschaften irrelevant. Denn das, was das einzelne Lebewesen, auch den einzelnen Menschen betrifft, ist nie allgemein, sondern immer konkret. Die Naturwissenschaften interessieren sich nur dann für einzelne Wesen, wenn sie von ihnen aus Allgemeines ableiten können.

Wir reden von der Schöpfung, wenn wir in konkreten Begegnungen sind, wenn wir uns selbst nicht aus der Beziehung herausnehmen. Dann reden wir in Dankbarkeit oder auch als Klage, aber nie neutral so wie in theoretischen Ansätzen. Die Dankbarkeit wie auch die Klage wird Gott gegenüber geäußert als dem Schöpfer der Schöpfung.

Ist die Kommunikation in digitalen Medien nur virtuell? Was ist dann real?

In der Diskussion über die digitalen Medien ist es in bestimmten Kreisen beliebt, das Eigentliche, das Reale von dem Virtuellen, dem Scheinbaren zu unterscheiden. Das Eigentliche ist dann natürlich das, worin wir unseren Alltag fristen, wo wir anderen Menschen face to face begegnen, wo wir uns miteinander austauschen, wo wir essen und uns bewegen. Das Virtuelle dagegen ist in den künstlichen Räumen, die digitale Medien produzieren. Es ist in gewisser Weise immer nur eine „Schein“-Welt, weil die Töne und Bilder nahelegen, dass da etwas sei, wo es doch nur elektronisch simuliert wird.

Das Eigentliche und das Uneigentliche

Die Vorstellung lautet: Wenn wir mit einem Menschen face to face intensiv kommunizieren, dann sind wir wirklich mit ihm verbunden. Wir teilen miteinander den Raum, in dem wir uns treffen. Schon der gemeinsame Raum verbürgt, dass das Treffen real ist, denn es findet an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. Dagegen ist ein Treffen in den digitalen Medien uneigentlich. Auch dort kann eine Kommunikation stattfinden, wir können Bilder austauschen und die Sprache nutzen. Doch findet das Treffen nur im „digitalen Raum“ statt. Doch was ist der „digitale Raum“? Eigentlich ist er nur ein Kommunikationskanal, der durch bestimmte Technologien bereitgestellt wird. Damit ist klar: Der Raum wird in gewisser Weise vorgetäuscht, er ist ortlos. Durch Austausch von Bildern und von Tönen mag es den Anschein haben, man sei miteinander in einer direkten Kommunikation, aber das ist nicht der Fall. Es ist nur eine durch die Technik vermittelte Kommunikation. Diese Unterscheidung hat Folgen, für viele führt das zu einer eindeutigen Bewertung digitaler Medien. Sie suggerieren nach dieser Meinung einen unmittelbaren Austausch, der eigentlich aber so gar nicht stattfindet. Die Kommunikation mag funktional sein, sie entbehrt aber der Aura eines direkten Gegenübers und eines direkten Austauschs.

Diese Argumente werden nicht selten in der kirchlichen Diskussion um digitale Medien von den Skeptikern vorgebracht. Digitale Medien wird damit gleich ein mehrfacher Vorwurf gemacht. Der erste Vorwurf ist, dass sie nur eine reduzierte Wirklichkeit wiedergeben. Der zweite Vorwurf ist, dass sie dies mit den Mitteln moderner Technik zu kaschieren versuchen, dass sie in gewisser Weise täuschen. Der dritte Vorwurf ist schließlich der weitest gehende: Digitale Medien bieten die Möglichkeit zur Weltflucht. Wenn man schon mit der realen Wirklichkeit nicht gut umgehen kann, dann hilft es, sich in virtuelle Welten zu flüchten, die vor der Konfrontation mit der Wirklichkeit schützen.

Was ist dran an dieser Unterscheidung? Eine Unterscheidung ist in der Tat notwendig, es gibt offenkundig einen Unterschied zwischen dem Realen und dem Virtuellen, aber die Angedeutete setzt falsch an und führt zu falschen Bewertungen.

Die Virtualität des Realen

Das Wichtigste ist: Woher wissen wir, was die eigentliche Realität ist? Wir sind als leibliche Wesen in diese Welt geworfen und können uns nur mit unvollkommenen Mitteln in ihr orientieren. Es gibt viele gute philosophische Gründe, warum wir keinen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit haben können. Es gibt sie nicht einfach so, die originale, reale Welt. Selbst wenn es sie gäbe, könnten wir nichts davon wissen. Was wir wissen, ist immer sprachlich und kulturell vermittelt, aber jede Sprache und jede Kultur verzerrt. Die Verzerrung – wenn man denn davon sprechen will, weil das etwas Unverzerrtes nahelegt – hat erhebliche virtuelle Anteile. Jeder sprachliche Ausdruck, jeder Begriff hat eine schwer zu kontrollierende Konnotation. Jede Äußerung ist eingebunden in einen Strom kultureller Äußerungen, von denen aus man nicht mehr zu einem Original der Realität zurückkommt.

Im Alltag glauben wir als nüchterne moderne Zeitgenossen, dass wir schon wissen, wo wir sind und woran wir sind. Im Alltag mag das funktionieren, doch jede kritische Nachfrage lässt die Annahmen wackeln. Zu meinen, wir stünden auf dem Boden der Tatsachen, ist mit Sicherheit eine Täuschung.

Tatsächlich müssen wir jederzeit mit Ambivalenzen umgehen. Nehmen wir das Gespräch zwischen zwei Menschen face to face: Natürlich kann man den Raum, in dem sie sich treffen, ausmessen: 3x5x4 Meter. Doch das ist für das Treffen nahezu irrelevant. Relevant ist aber die Atmosphäre des Raumes. Doch was genau ist in diesem Zusammenhang eine Tatsache? Atmosphären können hoch ambivalent sein, sie haben immer etwas Virtuelles, sie lassen sich nicht auf physikalische Realia reduzieren. Ähnliches gilt auch für die Menschen, die sich so treffen: Was sehen sie im Gegenüber? Sicherlich keine Fakten, keine bloßen Tatsachen, sondern unendlich viele Überlagerungen von virtuellen Anteilen: Gesellschaftlichen Rollen, Symbolen, Anspielungen, Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen usw. usf. Kurz: Jedes Gespräch face to face hat in entscheidenden Anteilen an kulturell vermittelten virtuellen Welten teil.

Das Reale des Virtuellen

Ebenso ist demgegenüber ein virtuelles Gespräch durch digitale Medien vermittelt sehr real: Geschäfte können abgeschlossen werden, Beziehungen können angebahnt oder auch beendet werden. Es gibt keine virtuelle Kommunikation in digitalen Medien, die nicht auch in die Realität durchschlägt. Schlachten in Computerspielen können reale Werte zerstören, in einer live Schaltung kann man Augenzeuge eines schrecklichen Vorfalls werden, wie bei dem Terror-Attentat in Christchurch. Und die darauf folgende Kommunikation schafft wiederum reale Verhältnisse.

Mehr und weniger, wahrscheinlich und unwahrscheinlich…

Wenn die Realität aber von Virtuellem durchsetzt ist und das Virtuelle immer auch real ist, kann man dann nicht mehr unterscheiden zwischen dem Virtuellen und dem Realen? Es macht aber tatsächlich Sinn, aber nicht in der großen zwischen Sein und Schein, zwischen Original und Kopie. Eher ist es die Unterscheidung zwischen Mehr und Weniger. Die face to face Kommunikation lässt vielfältigere Sinneserfahrungen zu. Die Kommunikation über digitale Medien ist immer eingeschränkt. Das kann negative Folgen haben, muss es aber nicht. Wenn man aber zwischen Mehr und Weniger unterscheidet, dann gibt es keinen klaren Schnitt. Dann kann eine Kommunikation zwischen zwei Menschen in einem Raum vernebelter sein als die achtsame Kommunikation über Skype. Allerdings: wahrscheinlich ist das nicht. Es ist wahrscheinlicher, dass die face to face Kommunikation mehr Zugänge ermöglicht, da sie umfassender ist.

Es gibt also Unterschiede zwischen der „direkten“ Kommunikation zwischen Menschen und der Kommunikation über digitale Medien. Sie sind nur nicht eindeutig, nicht festgeschrieben, sie befinden sich in einem Feld des Mehr und Weniger und lassen lediglich Tendenz- und Wahrscheinlichkeitsaussagen zu.

Zu dem Thema findet übrigens in diesen Tagen eine Tagung an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen statt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Ein Plädoyer für das Unperfekte – unsere leibliche Existenz und die digitalen Technologien

Wir sind leibliche Wesen

Menschen sind leibliche Wesen. Wir sind ebenso durch unseren Körper bestimmt wie auch durch geistige Fähigkeiten. Wir sind weder auf das eine noch auf das andere zu reduzieren. Das ist im Kern die Bedeutung des philosophischen Ausdrucks „Leib“: Er weist darauf hin, dass wir eine eigentümliche und schwer zu definierende Mischung sind von Materie und Bewusstsein, von Körper und Geist. Die philosophische Schule der Phänomenologie hat Methoden entwickelt, mit diesem irreduziblen Gemisch, mit dieser ständigen Doppelbestimmung umzugehen. Sie setzt bei unserer Lebenswelt an, also bei unseren alltäglichen Erfahrungen und Handlungen. Denn unsere alltäglichen Handlungen und Erfahrungen sind stets von beidem bestimmt. Die Haltungen, alles auf den materiellen Körper zu beziehen oder alles auf das begriffliche Bewusstsein zu beziehen, führen zu Abstraktionen: Der objektive Körper, die reine Vernunft. Jede Handlung, jede Erfahrung in der Lebenswelt haben aber Anteile von beidem, sie geschehen bewusst und sind zugleich körperliche Vorgänge. Im Alltag unterscheiden wir auch nicht zwischen beiden Seiten, wir leben in den undefinierten Zuständen dazwischen.

Wenn wir von unserer leiblichen Existenz ausgehen, wie ist dann die Entwicklung digitalen Technologien zu beurteilen? Am Rande einer Tagung in Aachen hatte ich Gelegenheit, mit Bernhard Waldenfels, dem prominentesten Vertreter der phänomenologischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, ein Gespräch zu führen (siehe hier). Seine Haltung gegenüber den digitalen Technologien ist durchaus kritisch. Es steht etwas auf dem Spiel in einer Kultur, die immer stärker durch diese Technologien geprägt ist. Die Erfahrungen der leiblichen Existenz, die lebensweltlichen Orientierungen können verzerrt werden.

Digitale Technologien arbeiten mit definierten Zuständen

Hinlänglich bekannt ist, dass das Digitale die Virtualität betonen, also die geistige Seite des Menschen zulasten der körperlichen. Viele Stereotype der kritischen Diskussion weisen in die Richtung: Sitzen nicht viele körpervergessen stundenlang vor Bildschirmen oder beschäftigen sich mit ihrem Smartphone? Vernachlässigen sie dann nicht den Körper und befinden sich rein geistig in virtuellen Welten? Hier existiert offenkundig die Möglichkeit, aus der Balance zu geraten. Doch das Gegenteil stimmt auch: Digitale Technologien betonen ebenso einseitig den Körper als materiellen Organismus! Waldenfels weist auf bestimmte Technologien, die der Losung „Quantify yourself!“ folgen. Man joggt dann mit einem digitalen Gerät, das die Körperzustände exakt abbildet, Durchschnittswerte ermittelt und Vergleichszahlen anbietet. Der Körper befindet sich in einer kontinuierlichen Überwachung. Durch die Hilfsmittel reduziert sich der Mensch auf einen objektiven Körper.

Die digitalen Technologien befördern also nicht so sehr die Bevorzugung des Bewusstseins gegenüber dem Körper, sie betonen vielmehr beide Extreme, den virtuellen Geist einerseits und den objektiven Körper andererseits. Auf der einen Seite ist unser Leib der Zugang zu einem virtuellen Raum, in dessen Weiten wir uns verlieren können. Auf der anderen Seite erscheint unser Leib in der digitalen Welt als ein genau beobachtetes und kontinuierlich vermessenes Objekt. Die Extreme werden gefördert, der Leib, der die Extreme vermittelt, dagegen wird gering geschätzt.

Die Lebenswelt als das Undefinierbare

Die große Herausforderung besteht künftig darin, auch in und mit den digitalen Technologien den Leib als solchen immer wieder zu entdecken. Der Leib zeigt sich in der Lebenswelt. Bernhard Waldenfels gab in der Diskussion der Tagung ein Beispiel, das in die Richtung weist: Besonders akrobatische Leistungen von Robotern beeindrucken ihn nicht. Das ist berechenbar. Beeindrucken würde ihn dagegen, so sagte er, wenn ein Roboter in einem Handlungsablauf innehalten würde, wenn er zögern  würde!

Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Lebenswelt, denn sie ist eine Sphäre jenseits perfekter Funktionsabläufe (des Körpers) und jenseits perfekter Illusionswelten (des Geistes). In der Lebenswelt regiert das Imperfekte, das, was ins Stolpern bringt, das, was undefinierte Situationen ermöglicht. Im Alltag können wir uns oft nicht so gut entscheiden, wir zweifeln, wir haben Bedenken oder wir haben nicht den notwendigen Überblick.

Plädoyer für das Unperfekte

Wenn wir auch in einer Welt mit digitalen Technologien unsere leibliche Existenz in der Lebenswelt erhalten wollen, müssen wir auf das achten, was sich nicht genau messen oder definieren lässt. Hierzu gehört nebenbei auch die Fantasie. Virtuelle Welten etwa über VR (Virtual Reality) Brillen mögen beeindruckende Spielumgebungen schaffen, aber sie lassen kaum Raum für die Fantasie. Was sich zeigt, ist immer schon definiert. Das ist bei klassischen Rollenspielen von Kindern (Räuber und Gendarm) eben nicht der Fall. Hier braucht es die ausgeprägte Fähigkeit, das, was sich zeigt, anders zu deuten. Hier ist nichts perfekt, hier ist nichts genau vorgegeben. Die Fantasie eröffnet einen Freiraum undefinierter Zustände. Ein Großteil unseres Lebens findet aber tatsächlich genau in dieser unperfekten Sphäre statt. Die wertvollsten Erfahrungen machen wir in einer solchen Umgebung. Sie gilt es zu erhalten auch in einer digitalen Welt. Das heißt: Wir müssen Umgangsformen mit den digitalen Medien und Technologien finden, die das Undefinierte undefiniert sein lassen.

 

Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um?

In Kooperation mit der Akademie für säkularen Humanismus führt die Evangelische Akademie im Rheinland in Essen regelmäßig kontroverse Diskussionen zu Fragen der Weltdeutung durch. Die Veranstaltung am 13. Dezember steht unter der Frage, wie man bei Unsicherheit handeln kann. Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? An der Diskussion haben der Physiker Helmut Fink und der Unternehmer Reinhard Wiesemann teilgenommen. Ihre Thesen finden sich hier: www.mensch-welt-gott.de

Meine grundlegende These lautet:

Sich auf jemanden oder etwas zu verlassen, bedeutet Vertrauen zu haben. Nur so gibt es eine Grundlage für ein Handeln in der Welt. Der christliche Glaube ist Ausdruck eines existentiellen Vertrauens.

  1. Zunächst muss man unterscheiden: Es gibt Handlungen, bei denen man sich absichern kann und es gibt Handlungen, bei denen auch die größte Absicherung ins Leere weist. Beispiel einer Handlung, bei der man sich absichern kann: Man prüft, ob die Reifen fest angezogen sind, bevor man mit einem Auto eine längere Fahrt auf einer unwegsamen Strecke unternimmt. Beispiel einer Handlung, bei der man sich nicht gut absichern kann: Man geht die Ehe mit dem Menschen ein, den man liebt.
  2. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich absichern kann, sollte man alle Prüfkriterien beachten, die sinnvoll sind. Nicht alles kann man vor einer Handlung nachprüfen und absichern. Hier entsteht schnell unsinniger Aufwand, der das Leben erschwert. Aber es gibt Nachprüfungen und Absicherungen, die sinnvoll sind. Hierzu gehört, sich über den Zustand von technischen Geräten zu versichern, auf die man sich verlassen muss.
  3. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann, hat oft schon der Versuch, sich abzusichern, kontraproduktive Effekte. Ob sie, er mich wirklich liebt? Sollte man nicht Nachforschungen bei Freundinnen und Freunden anstellen, Tests durchführen? Man kann sich leicht ausmalen, wie eine solche Haltung auf die Partnerin, den Partner vor einer Hochzeit wirken würde.
  4. Welches sind die Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann? Es sind solche Handlungen, die mit existentiellen Entscheidungen verbunden sind. Wer möchte ich sein? Mit wem möchte ich leben? Worauf will ich in meinem Leben wirklich setzen? Diese Handlungen lassen sich durch mehrere Kriterien näher beschreiben.
  5. Erstens haben die Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit die Eigenschaft, nicht beliebig wiederholbar zu sein. Technische Handlungen (Fahrt mit einem Auto) lassen sich beliebig variieren. Handlungen wie eine Hochzeit lässt sich zwar auch wiederholen, aber nicht beliebig oft. Denn ansonsten wird die Handlung selbst abgewertet. Es gibt biographische, existentielle Handlungen, wo ich hier und jetzt entscheiden muss. Dies zeigt, dass das Leben nicht eine beliebig variierbare Versuchsanordnung ist, sondern jedes Leben ebenso einmalig ist wie begrenzt.
  6. Zweitens sind Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit oft verbunden mit intensiven sozialen Kontakten. Der Lebenszusammenhang mit anderen Menschen ist ebenfalls keine Versuchsanordnung und lässt sich nicht beliebig variieren. Besonders deutlich ist das bei dem Verhältnis zu den eigenen Eltern.
  7. Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit sind in der Philosophie als existentielle Handlungen beschrieben worden. Die Existenzphilosophie hat immer wieder die Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, betont. Die allermeisten existentiellen Entscheidungen fallen aber unter Unsicherheit.
  8. Hier kommt ein Grundvertrauen zum Tragen, das im Christentum sich auf Gott bezieht. Ich muss mein Leben nicht allein und unabhängig von allem verantworten. Ich kann auf Gott vertrauen, der mich geschaffen hat und mich am Leben erhält. Der christliche Glaube ist so etwas wie ein Grundvertrauen, das sich im Leben immer wieder bewährt. Auch hier kann eine Unsicherheit mitschwingen, der Glaube kann angefochtener Glaube sein. Dennoch ist die Erfahrung, die der christliche Glaube zum Ausdruck bringt, dass es eine Grundlage für Vertrauen inmitten einer Welt existentieller Unsicherheiten gibt.

Warum wir mehr über das „Wir“ reden sollten

Der junge französische Philosoph Tristan Garcia hat kürzlich ein Buch mit dem einprägsamen Titel „Wir“ vorgelegt (Tristan Garcia: Wir, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018). Die Tatsache, dass der Titel sich mit diesem einfachen Wort begnügt und es auch keinen Untertitel gibt, deutet schon an: Hier geht es um Grundsätzliches. Garcia unternimmt nicht weniger als eine ganze Dimension menschlicher Existenz zu durchleuchten. „Wir kommen nicht umhin, „wir“ zu sagen.“ (10) Diese lakonische Bemerkung steht zu Anfang der Untersuchung. Garcia nähert sich dem, was „Wir“ umfasst,  indem er unterschiedliche Aspekte des Gebrauchs beschreibt. Wer “Wir“ sagt, sagt auch „Die“, also unterscheidet zwei Gruppen, jene, die dem „Wir“ zugezählt werden und jene, die nicht erfasst sind.

Das variable „Wir“

Das „Wir“ ist veränderbar, variabel. Jeder Mensch gebraucht das Wort in unterschiedlichen Situationen mit unterschiedlichen Absichten und einem unterschiedlichen Gehalt dessen, was das „wir“ meint. Dies ist die zentrale Botschaft der Untersuchung von Garcia. Üblicherweise wird den „wir“ Aussagen eine bleibende  Bedeutung zugesprochen. „Wir haben das schon immer so gemacht.“ „Bei uns ist das und das üblich.“ Das „Wir“ steht dann für eine Tradition, der man sich verpflichtet weiß. Bei Garcia ist das „Wir“ in einer ständigen Veränderung. Gerade die gesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass immer wieder neue Formen des „Wir“ auftauchen können. So entstand zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein „Wir“ der Frauenbewegung. Es entwickelten sich ein „Wir“ der Migranten, der Homosexuellen, der ethnischen Minderheiten. Die unterschiedlichen und immer variablen „Wir“ überlappen sind, können sich auch untereinander ausschließen oder gar widersprechen: „‘Wir ausgebeuteten Proletarier?‘ Sklaven, Peones, Lohnarbeiter? … Prekär Beschäftigte? Unterdrückte? Untergebene? Subalterne?“ (24) Es ist das Verdienst von Garcia, deutlich zu machen, dass das „Wir“ nicht die Eindeutigkeit hat, die ihm oft zugeschrieben wird, bzw. dass die Eindeutigkeit nur in der Situation existiert, in der das „Wir“ artikuliert wird.

Ein universales Modell für alle möglichen „Wir“ Formen

Wie soll man mit den immer möglichen Differenzen und Abweichungen umgehen? Das erste Modell nennt Garcia das Modell der Intersektion. Sie geht von dem Individuum aus, das sich dem einen oder anderen „Wir“ zugehörig empfindet. Da ist die schwarze Frau oder der in Europa eingewanderte arabische Homosexuelle. Wenn diese nun Ausgrenzungserfahrungen machen, auf welches „Wir“ beziehen sie diese Erfahrungen? Der Nachteil dieser Zuordnung ist, dass es immer auch Individuen gibt, die aus der Mehrfachzuordnung herausfallen.  Garcia argumentiert radikaler: Alle Menschen unterliegen einem multiplen „Wir“ Deshalb favorisiert er das von ihm so genannte „Modell der Bildschichten“ (98). Dieses ist nicht reduktiv. Alle Möglichkeiten, in einer bestimmten Weise „Wir“ zu sagen, werden in dem Modell abgebildet: „‘Wir‘ zu sagen, bedeutet gerade, die Komplexität der sozialen Welt oder der Lebenswelt in einem weiteren Sinne abzubilden.“ (103) Aufgrund dieser Komplexität sind die Einteilungssysteme von „Wir“  nie deckungsgleich. Obwohl jedes „Wir“ mit Trennungslinien so klar wie möglich definiert sein mag, ist die Varianz sehr groß. Entscheidend ist die Frage, welchem „Wir“ man den Vorzug gibt. Denn bei einer Priorisierung überdeckt ein „Wir“ das andere. Die ständige Gefahr der Überdeckung unterstreicht noch einmal die Bedeutung der Dynamik, die Garcia bei der „Wir“ Zuordnung ausmacht.

Die Vielfalt des „Wir“ innerhalb von zwei Grenzen

Garcia ist es wichtig, den Variationsreichtum und die Dynamik von „Wir“ Zuordnungen deutlich zu machen. Um das tun zu können, muss er zwei Extreme ausgrenzen, die Gefahr laufen, statisch zu werden. Das ist einerseits, nach unten hin, das Ich: „Ich bin ‚Ich‘“. Dies ist der Leitsatz einer individualistischen Kultur. Doch geht er nicht auf, denn auch jeder Individualist ist Teil eines „Wir“ oder auch ganz vieler „Wir“. „Man kann niemals ‚Ich‘ gegen  alle ‚Wir‘ sagen, sondern lediglich ‚ich‘ gegen bestimmte ‚Wir‘ und das im Namen von anderen.“ (60) Auch der größte Individualist möchte Teil der Menschheit sein. Am anderen Ende steht das universelle „Wir“, das keinen auslässt. Doch dieses „Wir“ verliert an Gehalt. Was soll das sein, was alles mit erfasst?

Die Geschichte des „Wir“

So bleiben also die endlichen, variablen und immer neu zu findenden Gestalten des „Wir“, die in der Geschichte auftauchen und auch wieder verschwinden. Traditionelle Definitionen des Wir über die Art, das Geschlecht, die Rasse, die Klasse, das Alter lösen sich im Lauf der neueren Kulturentwicklung immer mehr auf, sie werden undeutlicher. Es finden sich immer mehr Ausnahmen, Annäherungen, Modulationen und unterschiedliche Intensitäten. Nun ist das aber für Garcia keine einfache Heils- oder Befreiungsgeschichte. Immer wieder betont er, dass Menschen immer wieder neue „Wir“ Formen schaffen werden. Nun n der aktuellen geschichtlichen Phase mögen die Konturen sich auflösen: „Wir treten vielleicht in einen längeren Zeitraum der Destabilisierung und politischen Zerrissenheit des „Wir“ ein, doch dies ist nicht das Ende.“ (273) Denn es wird auch nicht dazu kommen, dass es ein „versöhntes Endziel des ‚Wir‘“ (275) gibt: „Eigentlich ist das ‚Wir‘ eine ständige Bewegung“ (277). So bleibt eine gewisse Bescheidenheit: „Wir machen uns bereit, nicht unter den Bedingungen einer offenen Auseinandersetzung, wohl aber unter denen einer allgemeinen Verschärfung des Sinns für Unterschiede, Gemeinschaften und Zugehörigkeiten und der heftigen Ablehnung der allzu weiten und allzu leeren heuchlerischen Vereinigungen zu leben.“ (285)

Das „Wir“ als ständige Herausforderung

Der letzte Satz deutet es an: Es wäre allzu kurzschlüssig, wenn man meinte, man könne dem Ringen um die partikularen Formen des „Wir“ entgehen, wenn man ein möglichst universales wählt. Das „Wir“ des Menschenfreundes schließt den Menschenfeind aus. Kein menschliches „Wir“ ist wahrhaft universal und dennoch aussagekräftig. Garcia erwähnt, wahrscheinlich beeinflusst von seinem Lehrer Alain Badiou, die berühmte Stelle aus dem Galaterbrief des Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau: denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28) Das umfassende „Wir“ hat einen eschatologischen Klang, auf es weist die Existenz in Christus, die Gemeinde als die anhebende Versöhnung der Menschheit. Doch sind wir da noch lange nicht. Auf dieser Erde, in der verwickelten Geschichte gibt es partikulare „Wir“ Formen, die immer wieder neu ausgehandelt werden müssen.

Diese Aussage ist die Stärke des Buches von Garcia. Doch ist seine Schwäche auch deutlich: Das „Wir“ bleibt eigentümlich kalt. Es wird eher seziert als bezeugt. Garcia will keine neutrale 3. Person Perspektive einnehmen, tut das aber immer wieder. Auch das „Wir“ des jungen französischen Philosophen ist nicht das eine Weltbetrachters, sondern eines endlichen Erdenbürgers. Doch man kann nur erahnen, wo dieses „Wir“ für Garcia existentiell wird. Woher kommt die elementare Kraft des „Wir“? Woher die Energie, sich immer wieder umzuformen? Auf diese Fragen bekommt man in dem eher kühlen und technischen Buch wenig Hinweise.